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Torero, ich hab Angst: Ein durch und durch queeres Buch

von Laura Rogalski


Pünktlich zum 50. Jubiläum des Putsches in Chile erscheint die deutsche Neuausgabe des einzigen Romans des Autors und Performance-Künstlers Pedro Lemebel. Das Buch ist trotz des historischen Stoffs von einer verblüffenden Aktualität, denn es erzählt nicht nur von politischem Widerstand, sondern beschreibt weitaus subtiler das Durchbrechen sexueller und geschlechtlicher Normen. Auch der Verlag scheint das so zu sehen, schießt jedoch beim krampfhaften Versuch, den Roman im aktuellen Diskurs zu verorten, übers Ziel hinaus.

 

Sonderlich viel muss man nicht über Literatur oder Queerness wissen, um sich ausrechnen zu können, dass es sich bei Lemebels Torero, ich hab Angst nicht um den „ersten queeren Liebesroman der Weltliteratur“ handelt, wie großspurig im Klappentext der Neuausgabe behauptet wird. Sicher, das ist Auslegungssache, denn „queer“ umfasst ein ziemlich breites Spektrum, von „Liebesroman“ und „Weltliteratur“ ganz zu schweigen. Dass die Banderole auf der im schlichten Stil der Suhrkamp-Bibliothek-Umschlaggestaltung zudem hellblau-rosa-weiß und damit in den Farben der Transflagge gehalten ist, liefert zwar einen Hinweis darauf, was die Herausgeber:innen hier unter queer verstehen könnten, führt aber, was die folgenden 216 Seiten betrifft, komplett in die Irre. Trotzdem handelt es sich bei Torero, ich hab Angst um ein durch und durch queeres Buch. Ich komme darauf zurück.

 

Tengo miedo torero, so der Originaltitel des Romans, der erstmals 2001 im Verlag Seix Barral erschienen ist, beruht auf 20 Seiten, die der Autor Ende der 1980er Jahre verfasste, und spielt im September 1986. Seine Handlung steuert damit auf das gescheiterte Attentat auf Diktator Augusto Pinochet zu. In Deutschland bereits 2004 unter dem Titel Träume aus Plüsch in der Übersetzung von Matthias Strobel erschienen, handelt es sich bei Torero, ich hab Angst streng genommen um eine sprachlich leicht überarbeitete Version der deutschen Erstübersetzung. Auch die Neuübersetzung stammt von demselben Übersetzer. Ein besserer Zeitpunkt für die Neuauflage wird sicher nicht mehr kommen: Das, so nannte es Lemebel selbst, Semibiographische ist nah genug am Autofiktionalen, um auf der nicht abebben wollenden Erfolgswelle dieser Gattung, auch im Zusammenhang mit queeren Identitäten, mitzuschwimmen, die zuletzt von Büchern wie Kim de l‘Horizons Blutbuch oder Maggie Nelsons Argonauten Auftrieb erhielt. Auch das 50 Jahre nach dem Putsch aufflammende Interesse für die politische Vergangenheit des Landes macht den Roman selbst in Deutschland anschlussfähig. Wer das Buch aus diesen Gründen kauft, wird sicher nicht enttäuscht werden, denn sexuelle und politische Dissidenz spielen eine zentrale Rolle darin.

 

In Torero, ich hab Angst erzählt die Protagonist:in, die gealterte „Tunte von der Front“, in ausschweifend-kitschigen Elogen von ihrer Liebe zum jungen Studenten Carlos, der dauernd mit irgendwelchem Zeug bei ihr aufschlägt: Bücherkisten, ein Metallrohr, das er dann bei ihr lagert, Menschen, die dort konspirative Lerntreffen abhalten. Obwohl sich die Protagonist:in wenig für Politik, die in Form von Nachrichten immer wieder aus dem Radio in den Text und ihr Leben dringt, interessiert, ist ihr klar, dass Carlos dem Frente Patriótico Manuel Rodríguez, und damit der Organisation, die später das Attentat auf Pinochet ausüben wird, angehört. An den Treffen darf sie nicht teilnehmen, sitzt dafür gemeinsam mit Carlos bis tief in die Nacht in der Küche und lässt sich nicht anmerken, dass sie ahnt, was los ist. Diese ausgestellte Unwissenheit ist dabei nicht nur als Schutz aller Beteiligten an diesen im Untergrund stattfindenden Aktivitäten zu verstehen, sondern dient ebenso der Aufrechterhaltung der Illusion, dass Carlos’ Auftauchen in ihrem Haus doch eher mit einem romantischen Interesse zu tun haben könnte. Doch ganz so einfach ist das nicht, dass sich beide gegenseitig für ihr jeweiliges Projekt ausnutzen, denn zumindest die Protagonist:in politisiert sich im Laufe des Buches immer mehr, trägt allzu bereitwillig verdächtig schwere Pakete durch Polizeisperren. Auch Carlos vertraut ihr ebenso bereitwillig homoerotische Abenteuer – oder Sehnsüchte? – seiner Jugend an. In dieser spannungsreichen Uneindeutigkeit bewegen sich die Figuren, die überbordende Sprache ist gespickt von Selbstironie – Camp im besten Sinne. Dabei kokettiert sie nicht nur mit der Rolle der dümmlichen, alternden Tunte, die sie mit „filmreifer Angst“ mimt, es entspinnt sich auch ein erotisch aufgeladenes Spiel mit dieser Naivität zwischen den beiden. Dabei verschränkt sich die romantische Dimension mit der revolutionären – nicht zufällig ist die Losung der beiden das titelgebende „Torero, ich hab Angst“, das einem Flamenco der spanischen Sängerin Lola Flores entstammt und von der Angst vor dem Tod des geliebten Toreros handelt.

 

Immer wieder kreuzen sich, wie zufällig, die Wege der beiden mit denen des Diktatorenehepaars, mal erzählt Pinochet, mal dessen Ehefrau María Hiriart selbst. So entsteht auch sprachlich ein Spiel mit der Innen- und Außenwahrnehmung, mal wird die Tunte als attraktive Frau beschrieben, mal als Homosexueller, mal als Onkel – dabei bringt der Roman Geschlechtszuschreibungen durcheinander und dekonstruiert sie – queer eben. Doch anders als die Covergestaltung vermuten lässt, hat der Roman relativ wenig mit Transgeschlechtlichkeit zu tun. Lemebel selbst spricht in Interviews von einem Homosexuellen, der am Attentat auf Pinochet beteiligt ist. Im spanischen Original bezeichnet sich die Protagonist:in als „loca del frente“, dabei kann „loca“ im Grunde genommen und je nach zeitlicher Verortung Transpersonen bezeichnen oder Travestie, eigentlich ist es jedoch ein Begriff, der vor allem für (feminine) homosexuelle Männer Verwendung findet. Außerdem wird eben nicht der im Spanischen recht geläufige Begriff „gay“ gebraucht, der eher auf eine US-amerikanisch geprägte Homosexualität verweist, während „loca“ auch das autochthone, eine rassifizierte und marginalisierte Homosexualität außerhalb dieser dominanten Vorstellung beschreibt. Die Frage, welches Geschlecht (sowohl sex als auch gender) die Protagonist:in tatsächlich hat, ist relativ uninteressant und hat wenig mit dem Roman zu tun. Viel wichtiger ist im Kontext von Übertragungen literarischer Werke über verschiedene historische, sprachliche und nationale Kontexte hinweg die Frage der sprachlichen und diskursiven Einbettung.


Die Diskussion, wie mit verletzender Sprache in sogenannten Klassikern umzugehen ist, wird seit einigen Jahren hitzig geführt. Während es dort vor allem darum geht, verletzende Begriffe zu streichen, umzuschreiben oder zumindest zu kontextualisieren, scheint sich im Labeling dieses Buchs, der Protagonist:in (oder des Autors selbst?) mit der Transflagge, die andere, gut gemeinte Seite dieser Medaille zu zeigen. Hier wird keine diffamierende Sprache angepasst, sondern gegenwärtige Konzepte und Identitätskategorien werden übergeworfen. Transgeschlechtlichkeit sichtbar zu machen kann durchaus ein löbliches Anliegen sein, denn: Das, was wir heute als Transpersonen bezeichnen, hat es schon immer gegeben. Aber andererseits eben auch nicht, denn das Konzept ist nicht außerhalb des Begriffs selbst und den zugehörigen Diskursen zu denken, die es eben vor 100, 200, 500 Jahren noch nicht gegeben hat. Würde sich die Tunte von der Front im Jahr 2023 als Transfrau bezeichnet? Möglicherweise. Möglicherweise als nicht-binär. Möglicherweise als schwuler Cis-Mann. Hätte sie es im Jahr 1986 getan? Ziemlich sicher nicht. Hätte sie die Transflagge über eine der Bücherkisten geworfen, die so zahlreich in ihrem Haus rumstanden? Auf gar keinen Fall, denn die gibt es erst seit der Jahrtausendwende. Lemebel selbst schrieb in einer Zeit über eine andere Zeit, in der jeweils andere Diskurse und Begriffe über Homosexualität und Geschlechtsidentität herrschten als heute. Hätte Lemebel, als er das Buch schrieb, als es erschien oder in den Jahren danach seine Protagonist:in als trans bezeichnet? Sich selbst? Vielleicht. Wenn er es gewollt hätte. Einer Person, die sich dazu nicht mehr äußern kann, im Nachhinein eine Transidentität zuzuschreiben, ist nicht im Sinne der Erfinderin, denn trans ist vor allem eins: Eine Selbstbezeichnung.


Wie genau die Transflagge auf dem Cover gelandet ist, will man vielleicht lieber nicht so genau wissen. Möglich, dass jemand beim Lesen nicht richtig aufgepasst hat oder davon ausgegangen ist, trans, queer, homosexuell sei alles dasselbe. Möglicherweise vermutete man aber auch ein lukratives Verkaufsargument auf einem Büchermarkt, wo trans gerade in zu sein scheint.


Zurück zur Weltliteratur und ihren Liebesromanen: Lemebel ließ sich von Puigs Der Kuss der Spinnenfrau inspirieren. Der Roman ist bereits 1976 erschienen und handelt von zwei Gefängnisinsass:innen in Buenos Aires, von denen einer wegen politischer Aktivitäten inhaftiert ist und eine:r wegen des Vorwurfs der Homosexualität. Auch das ist eine Liebesgeschichte, letztere:r spricht sogar recht explizit über den Wunsch, eine Frau zu sein. Torero, ich hab Angst ist also im besten Fall der zweite queere Liebesroman der Weltliteratur. Aber lesen sollte man ihn trotzdem unbedingt.



Pedro Lemebel: Torero, ich hab Angst. Roman.

Aus dem Spanischen von Matthias Strobel.

216 Seiten. Suhrkamp Verlag

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