Die Morphologie der Zerstörung
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- 21. Sept.
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Jorge Barón Bizas Roman „Die Wüste und ihr Samen“ über einen verzweifelten Versuch der Rekonstruktion
Von Amaya Gallegos
Ist Heilung möglich? Bis zu welchem Grad lässt sich das Zerstörte wiederaufbauen? Können die Einzelteile wieder zusammengesetzt werden, wenn kein fester Anhaltspunkt mehr vorhanden ist? In Jorge Barón Bizas autobiographischem Roman „Die Wüste und ihr Samen“ (Suhrkamp, 2025), aus dem argentinischen Spanisch übersetzt von Frank Wegner, zerfällt die Wirklichkeit in neue Formen und Farben, die dem Erzähler zu Beginn des Romans schon Metaphern unmöglich machen, da es keine eindeutigen Bezüge mehr zu geben scheint.
Darin kann zuweilen sogar Schönheit liegen: Das Gesicht der Mutter, das der Vater des Erzählers mit Säure verätzt, leuchtet in „herrschaftlichem Purpur“ und anderen Farbtönen. Die Beschreibung schwenkt ins Groteske: Der Mund der Mutter erinnert an einen Clown oder an eine Comicfigur. Der Erzähler, der Anfang-zwanzigjährige Mario Gageac kümmert sich in den folgenden Monaten und Jahren nach der Attacke des Vaters um die Mutter, deren Gesicht in endlosen Klinikbehandlungen und Operationen wiederhergestellt werden soll. Die private Tragödie im Zentrum des Romans findet sich im politischen Geschehen der Zeit wieder. „Damals machte die Geschichte uns systematisch zu Witzfiguren“, heißt es bezeichnend für die enormen Auswirkungen des Politischen auf den Einzelnen. 1964, als der Roman beginnt, befindet sich Argentinien, das Heimatland des Erzählers, in einer Phase extremer Instabilität, Putsche und Spannungen zwischen Peronisten und Antiperonisten sind an der Tagesordnung. Gewalt und Terror eskalieren immer weiter und münden 1976 in einer brutalen Militärdiktatur.
Die Fragmentierung, die Zerstörung und der Zerfall der Wirklichkeit spiegeln sich in vielen Elementen des Romans wider: Da ist die vom Krieg zerstörte Stadt Mailand, in der sich der Erzähler nicht orientieren kann und da ist die Form des Romans selbst, der Versatzstücke aus Kindheitsaufsätzen, eingeschobene Monologe, fiktive Erzählungen aus Zeitschriften oder Ausschnitte aus dem letzten Roman des Vaters kombiniert. Auch Träume und Erinnerungen, Lüge und Wahrheit werden durcheinandergebracht. Und zu allem Unglück treiben die medizinischen Behandlungen die Familie, einst gutgestellt und politisch einflussreich, finanziell in den Ruin.
Die Sprache selbst ist stellenweise verschachtelt. In der Übersetzung ist die Sprache der italienischen Figuren fehlerhaft oder mit italienischen Ausdrücken vermischt, ähnlich dem Aufsatz auf Deutsch, den der Erzähler als Kind auf der deutschen Schule im Exil in Uruguay schreibt. Im Original, so erklärt der Autor selbst in einem Nachwort, verwendet er das sogenannte „cocoliche, ein Spanisch mit deutschen und italienischen Versatzstücken, wie es von Einwanderern mit entsprechender Migrationsgeschichte in Argentinien verwendet wird“.
Immer wieder geht es auch um die Versuche, die entstanden Schäden zumindest oberflächlich zu reparieren, die Bruchstücke zusammenzufügen, den schönen Schein zu wahren – so beschreibt Mario die Nachkriegsgebäude Mailands, wohin die Mutter sich zur Behandlung durch Spezialisten begibt, als „Notoperation, um die Bombenschäden zu kaschieren“. Erwähnt wird auch die Mumifizierung der Leiche Eva Peróns, die als politische Gegenfigur zur Mutter fungiert und die, jung gestorben, in ihrer jugendlichen Perfektion erhalten bleiben soll. Gegen Ende des Romans, als die Behandlung der Mutter beendet ist, bittet sie ihn, sie doch Mutter oder Mama, statt wie bisher bei ihrem Vornamen Eligia zu nennen. Doch diese Versuche des Reparierens und Kaschierens gehen immer wieder schief. Das Augenlid Eligias wird aus Versehen falsch herum angenäht, so dass innen die Haarfollikel weiter aktiv sind und ihr zusätzliches Leid bescheren, Eva Peróns Mumie verschwindet und wird wie Eligia nach Mailand gebracht. Es ranken sich Mythen der Schändung und abgeschnittenen Finger um die Odyssee des Leichnams. Mario ist so verkatert, dass er der Mutter durch das Verschütten heißer Suppe, das zuletzt angewachsene Transplantat zerstört. Und im zerstörten Mailand ist „keine Richtung konstant, kein Bezugspunkt stabil“.
Neben Bezügen zur Zeitgeschichte und Politik tauchen auch wiederholt Spiegelungen in der Kunst auf. Etwa in dem Gemälde „Der Jurist“ des Spätrenaissance-Malers Guiseppe Arcimboldi (oder dessen Fälschung), das ein aus Geflügel- und Fischteilen zusammengesetztes Gesicht zeigt und das sich im Besitz eines wohlhabenden Vertreters des italienischen Faschismus befindet. Eine weibliche Nebenfigur liefert an anderer Stelle die Bedeutung, die der Roman dem Gesicht gibt: „Die Menschen sollten das Gesicht zur Wiege der Liebe machen. Nur dann gibt es wirklich ein Gesicht, wenn die Bereitschaft zu lieben vorhanden ist; wenn man nicht liebt, verwandelt sich das Gesicht des anderen in Schnitzel, in etwas Beängstigendes…“
Angesichts des Grauens der Gewalt ist der Erzähler zunächst überraschend gleichgültig. In Abgrenzung zur narzisstischen Exzentrik des Vaters hat er sich eine weitreichende Gleichgültigkeit gepaart mit starkem Alkoholismus als Schutzmechanismus angeeignet. Doch auch dieser Mechanismus trägt letztlich nicht. Mario bricht in Tränen aus als er seine Mutter versehentlich verbrüht und zeigt sich zuletzt zutiefst abgestoßen von der Bosheit seines Vaters.
„Eine Wüste des Bösen“ hat der Vater geschaffen, so heißt es in Anspielung auf den Romantitel, dessen Samen möglicherweise im Erzähler selbst liegt. Das zeigt sich an seiner Beziehung zu der Prostituierten Dina, die an Döblins Mieze aus Berlin Alexanderplatz erinnert und die dem Erzähler aufrichtige Liebe entgegenbringt. Sobald er sie beginnt als zusammenhängendes Ganzes – vielleicht sogar als Menschen – statt nur fragmentiert wahrzunehmen, muss er diese Wahrnehmung sofort durch Gewalt negieren. Die weiblichen Figuren werden zum Opfer der misogynen Gesellschaft und männlicher Gewalt. Der Blick des Erzählers auf Frauen ist, von dieser Gesellschaft tief geprägt, was aus feministischer Sicht teils abscheulich zu lesen ist. Obwohl er sich von allem, was sein Vater verkörpert, inklusive seinem tiefen Hass auf Frauen, so weit wie möglich distanzieren will, wie Kafka in seinem Brief an den Vater, gelingt ihm dies nicht.
Erstaunlich an dem Roman ist die Spannung zwischen dem wiederkehrenden Motiv der Zerstörung und Fragmentierung und der inneren Kohärenz des Textes selbst, der voller Bezüge, Spiegelungen und Ähnlichkeitsbeziehungen steckt – und das, obwohl der Erzähler den Metaphern schon ganz zu Beginn abgeschworen hatte. Diese Formung und Aufladung des autobiographischen Stoffes ist nichts anderes als Literatur und Alan Pauls hat Unrecht, wenn er im Nachwort schreibt, dass das reale Material die literarische Tiefe des Romans tilge. Für den Erzähler ist die sinnstiftende Kraft der Literatur der Grund, warum es am Ende heißt: „Ich schreibe diese Zeilen und der schwache Impuls, sie zu gebären, ist alles, was für mich noch ‚Leben‘ oder ‚Handlung‘ oder ‚Möglichkeiten‘ heißen kann.“ Nur im Schreiben dieses Romans findet sich für den Erzähler und Alter Ego des Autors noch Versöhnung. In dieser Konsequenz beendet Barón Biza drei Jahre nach Erscheinen des Romans auch sein Leben.
Erschienen ist das Original nach einigen Schwierigkeiten in Argentinien bereits 1998, es handelt sich bei der aktuellen Erstübertragung ins Deutsche also um eine späte, aber lohnende Wiederentdeckung. In Argentinien gehört Barón Biza jenseits des populären Kanons zu den stilleren Figuren der Gegenwartsliteratur, die durch die Öffentlichkeit erst zeitverzögert wahrgenommen wurde und vor allem in Intellektuellenkreisen gewürdigt wird.
Das Leben des Autors ist von Depression, Alkoholismus und Unsichtbarkeit durch den Markt und die Öffentlichkeit geprägt. Das Buch ist ein Blick in den Abgrund des Menschlichen, auf die dunklen Aspekte des Lebens vor dem Hintergrund dunkler Zeiten. Es ist die Stimme eines Außenseiters, die es wert ist, gehört zu werden. Das Buch offenbart die Fähigkeit der Literatur, auch diesem Leben eine Form zu geben, es erzählbar zu machen.

Jorge Barón Biza: Die Wüste und ihr Samen. Roman.
Aus dem Spanischen von Frank Wegner.
268 Seiten. Suhrkamp Verlag

Amaya Gallegos Eytel ist Übersetzerin aus dem Spanischen und Englischen ins Deutsche. Sie studierte Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin sowie Philosophie und Germanistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und an der Universität Kopenhagen. Seit 2018 ist sie Redaktionsmitglied der Zeitschrift alba.lateinamerika lesen.



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