6 Gedichte von Alicia Morán
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- 13. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Juli
Aus dem Spanischen von Laura Haber
Ich habe Durst
Ich will die Quelle finden
die mich hierhergebracht hat
die mich aus dem Bauch
meiner Mutter heraus
auf die lehrreichen Pfade
des Lebens geführt hat
Ich habe sie im Zusammensein
mit meinen Engsten
mit meinen Vorbildern
mit meiner Truppe gesucht
ich habe sie in der Lust
im kleinen Tod
einer Sekunde Ekstase gesucht
ich habe sie unterwegs
beim Gehen auf neuem
Beton
bei meiner Begegnung mit anderen
Weltsichten gesucht
ich habe sie im Gebet
zu den Schutzengeln gesucht
ich habe sie in der Sternenkonstellation
am Tag meiner Geburt gesucht
ich habe sie gesucht, als ich vor dem Spiegel
Grimassen schnitt
und Tanzschritte probierte
ich habe sie gesucht, als ich
meine Träume deutete
ich habe sie verfolgt
als ich Gedichte schrieb
oder in der Stille
meines dunklen
unaufgeräumten Zimmers
ich habe sie in der Idealisierung gesucht
dachte, dass die Verschmelzung
mit einem anderen
mir Hinweise über ihren Verbleib
liefern könnte
ich habe sie im unschuldigen Lächeln
eines Kindes gesucht
im Flug, des Storchs
auf Schnauzen, von Katzen
ich habe sie in enthemmten Nächten gesucht
zwischen Rausch und Gedächtnislücken
ich habe sie im Schluchzgesang
von Mercedes Sosa
von Chavela Vargas gesucht
Fehlschläge
meiner Suche
da ich nie an der
echten Quelle gesucht habe
an der Wasser
spontan aus der Erde
sprudelt
ich habe nie meinen Rucksack gepackt
um zur Quelle zu wandern
und wenn ich es täte
würde ich am Persischen Golf beginnen
oder im Marianen-
graben
aber ich bin noch nicht sicher, sie dort
zu finden
denn: was kommt nach
der tiefsten Stelle des Meeres?
berühren sich dort nicht Ozean und Himmel?
würde ich also am Ende der Reise erneut fallen?
vom Himmel in den Bauch
meiner Mutter
weitere tausendundeinmal
wie die Frucht die
vom Baum fällt
und sich erneut in
Samen verwandelt
ist die Quelle etwa
der Weg?
der ewige Durst
der uns weitergehen lässt?
Unanständiger Vorschlag
Ich habe dir etwas
zum Abendessen gemacht
ob du kommst, ist deine Entscheidung
ich will das Lied singen
das uns gefällt
in dem die Zeit
die einfachen Dinge verschlingt
Ich habe meinen Lieblingsschlüpfer
gewaschen
bei dem unter der Spitze
mein Hintern durchscheint
in den du wohl reinbeißt
deine Brust auf meinem Rücken
Ich habe Portwein gekauft
und falls du mich küsst
schmeckst du die Süße, Reife
Auf den Balkon habe ich Kerzen gestellt
damit sich mein Lächeln
in deinem Glas spiegelt
wenn ich dich anschaue
Ich habe Badesalz in der Wanne
an der Tür einen einzigen Bademantel
damit unsere Körper trocknen
während wir tanzen zum Rhythmus
Vielleicht hast du Angst zu kommen
du willst nicht, vermischen
unsere Beziehung
du bist zu rational
für die vielen Fantasien
die ich für dich habe.
Ich kam nicht, um Fleisch zu sein
Ich kam nicht, um Dollars zu sein
oder Pixel
oder Hashtags
Ich kam, um Spur zu sein
ich kam, um zu benennen
was unbenennbar ist
ich kam, um Fleisch
zu entblößen
und Blut zu umarmen
und Knochen zu säubern
Ich kam, um ohne fleischlichen Körper
darzustellen
was bemerkenswert ist
und das ist nicht Fleisch
sondern was sich verbirgt
hinter Knochen
hinter Blut
hinter Zellen
Ich kam, um als Luft
weiterzuschweben
wenn mein Fleisch schon
verbrannt ist.
Görli im Winter oder Görlitzerkalt
Ich laufe erneut
durch den ausgestorbenen Görli
meine eiskalten Schritte
durchqueren den Alltag
planen, entwerfen
den Weg überdenken
mich erneut fragen:
Wann genau hat sich
die Stadt von einem Abenteuer
in ein Zuhause verwandelt?
Papa schreibt
es sei kalt und er fühle sich
alt
ich antworte ich bin
bei dir
ich wärme dich
aus der Ferne
Aber wie lange
noch?
Die Tage vergehen
einer nach dem anderen
und eines Tages
wird er nicht mehr da sein
und ich laufe weiter
durch die Stadt der Krähen
getreu meiner To-do-Liste
gute Gesellschaft
zur Ablenkung
und Papa
Tag für Tag
im Rad der Zeit
das uns auseinander-
und zusammenbringt
mit immer mehr grauen Haaren
die in den Sekunden
wachsen
die wir getrennt sind
die mir zeigen:
ich bin meine eigene Mutter
ich bin mein eigener
Vater
in dieser gefrorenen Stadt
voller Krähen
in der ich meine Ideale verfolge
in der Tag für Tag
Minute für Minute
Traum für Traum
mich von dem entfernen
was mich einmal
|beschützt hat|
Satisfyer
Nun ist es ein
Plastikgerät
das mein Inneres
durcheinanderwirbelt
das mich morgens weckt
und unter der Bettdecke
zum neuen Menschen macht
Nun sind es Batterien
die mir Druckwellen
schenken
nun hält meine Hand
nur noch
die Vibrationen
des Saugers
Meine Quelle der Lust
kam nun
per DHL
ich hätte nicht gedacht, dass etwas
aus einem Karton
mir morgens
das Aufwachen
versüßen würde.
Ich liebe Feiern
Ich mag Dorffeste
bei denen Junge und Alte
zu Folkloremusik
neben der Bühne tanzen
und alle ihren Alltag vergessen
zwischen Hüpfern und Pasodobles
und einem gelben Traktor
und dich so lange nicht zu sehen
ist eine Strafe
und verschüttetem Wein
zahnlose Alte
die singen und lachen
Ich mag Karneval
Batucadas, Farben
dem heidnischen Umzug
der verschiedenen Gruppen zusehen
mit Glitter, ihre Choreografien nachtanzen
und mich vom Getrommel
mitreißen lassen, das durch die Stadt
dröhnt, bis morgen früh
Ich mag Fest- und Feiertage
wie 1. Mai, Fête de la Musique
an denen die Menschen rausgehen
die Gegenkultur auflebt
auf Wagenplätzen getanzt wird
die Punkseele erwacht
und man bei Mexikanern und Cumbias
den ganzen Clan wiedertrifft
Ich mag Hauspartys
bei Freunden
wo alles sich konzentriert
und die Nacht sich verlängert
und es eins, zwei und zehn wird
und man nach Musik
ausgelassenem Tanzen
und lautem Mitsingen
zur Ruhe kommt
zur geteilten Verletzlichkeit
wo man bei Zigaretten
und Sonnenaufgang
sich immer mehr
mit den Geschichten der anderen
verbunden fühlt
Ich mag Festivals
diese Ferienlager für Erwachsene
im Zelt aufwachen, unbekannte Nachbarn
die zu Freunden werden
barfuß zur Bühne laufen
und sich verirren, und mit
Hut auf dem Kopf wiederfinden
und schließlich daliegen, am See
und die Schönheit des Daseins
betrachten
Ich mag Partys, mit denen ich nicht gerechnet habe
an Tagen, an denen ich früh schlafen wollte
und ein Freund mich einlädt
– ich komm, aber nur für zwei Stunden –
und am Ende auf einer Brücke stehe
und „Bella Ciao“ singe, im Kreis
mit Unbekannten
Ich mag das Adrenalin vor der Party
das Vorglühen zu Hause
das gemeinsame Verkleiden
in den Spiegel schauen
Spritz trinken
Bauchkribbeln
die offenen Augen der Freund:innen
voller Erwartung, was kommt
Ich mag Partys, bei denen die Eltern dabei sind
die Kluft zwischen den Generationen verschwindet
und Karaoke gesungen wird
und dein Vater tanzt mit deiner Freundin
und die Tante betrinkt sich
und alle liegen sich in den Armen
und die Erwachsenen benehmen sich kindischer
als die Jungen
und beim Tanzen erinnern wir uns
dass wir trotz Status
alle gleich sind
wir haben das gleiche Bedürfnis
unser Innerstes auszudrücken
in Gesellschaft zu sein
und das Leben zu feiern.
Ich mag Partymacher
die ihr ganzes Talent reingeben
mit voller Energie
mit voller Lautstärke
und ein Lied spielen
und noch eins und noch eins
obwohl sie schwitzen
legen sie sich ins Zeug
spüren die Resonanz
im Publikum
das wiederum
seine Dankbarkeit zeigt, mit Springen
und fröhlichem Lachen
Ich mag Leute, die ganz bewusst
feiern und nicht
weil sie vor der Realität fliehen
die zum Feiern nicht
von fremden Substanzen abhängig sind
die verstehen, dass Freude
durch die Hüften kommt und nicht
durch die Nase
Aber ich mag auch Bacchanale
volle Teller
sich regende Wollust
durchdringende Blicke
mich daran erinnern, dass wir Genussmenschen sind
Was ich beim Feiern am schwierigsten finde
ist aufzuhören
wann soll man gehen?
dem Gefühl des Kontrollverlusts
eine Grenze setzen
wenn Stunden vergehen
Toasts klirren
Asche stäubt
der Körper entspannt
der Kopf loslässt
ein Joint herumgeht
und man die Musik spürt
und während man einen Freund anschaut
Lieder aus der gemeinsamen Kindheit singt
auf den Text achtet
weil man sich einem anderen Rhythmus hingibt
bei dem das Wesentliche im Zentrum steht
bei dem das Leben endlich
endlich einen Sinn hat.

Alicia Morán, 33, aus Badajoz (Spanien), lebt seit 2017 in Berlin, wo sie als Kulturmanagerin, Leiterin von Schreib- und Berufsfindungsworkshops, Dichterin und Schauspielerin bei der Theatergruppe Raíces de AQUItheaterberlin tätig ist. 2018 gründete sie Pasajero del Muro, eine Initiative, die die Poesie in der spanischsprachigen Gemeinschaft Berlins durch hispanopoetische Treffen, Festivals und verschiedene Workshops zum kreativen Schreiben fördert. Sie veröffentlichte ihren ersten Gedichtband "La búsqueda" beim Verlag Cuatro Hojas und hat mit ihrer Poesie an verschiedenen Festivals, Anthologien und Podcasts teilgenommen. Derzeit mischt sie ihre Poesie mit anderen Formaten wie Technopoesie oder Videopoesie. Ihre Videogedichte Suelas en el Cielo und Satisfyer wurden für das Festival NUDO in Barcelona ausgewählt. Foto: Arne Tobian




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