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6 Gedichte von Alicia Morán

Aktualisiert: 30. Juli

Aus dem Spanischen von Laura Haber


Ich habe Durst


Ich will die Quelle finden

die mich hierhergebracht hat

die mich aus dem Bauch

meiner Mutter heraus

auf die lehrreichen Pfade

des Lebens geführt hat


Ich habe sie im Zusammensein

mit meinen Engsten

mit meinen Vorbildern

mit meiner Truppe gesucht


ich habe sie in der Lust

im kleinen Tod

einer Sekunde Ekstase gesucht


ich habe sie unterwegs

beim Gehen auf neuem

Beton

bei meiner Begegnung mit anderen

Weltsichten gesucht


ich habe sie im Gebet

zu den Schutzengeln gesucht

ich habe sie in der Sternenkonstellation

am Tag meiner Geburt gesucht


ich habe sie gesucht, als ich vor dem Spiegel

Grimassen schnitt

und Tanzschritte probierte

ich habe sie gesucht, als ich

meine Träume deutete

ich habe sie verfolgt

als ich Gedichte schrieb

oder in der Stille

meines dunklen

unaufgeräumten Zimmers


ich habe sie in der Idealisierung gesucht

dachte, dass die Verschmelzung

mit einem anderen

mir Hinweise über ihren Verbleib

liefern könnte

ich habe sie im unschuldigen Lächeln

eines Kindes gesucht

im Flug, des Storchs

auf Schnauzen, von Katzen

ich habe sie in enthemmten Nächten gesucht

zwischen Rausch und Gedächtnislücken


ich habe sie im Schluchzgesang

von Mercedes Sosa

von Chavela Vargas gesucht

Fehlschläge

meiner Suche

da ich nie an der

echten Quelle gesucht habe

an der Wasser

spontan aus der Erde

sprudelt


ich habe nie meinen Rucksack gepackt

um zur Quelle zu wandern

und wenn ich es täte

würde ich am Persischen Golf beginnen

oder im Marianen-

graben

aber ich bin noch nicht sicher, sie dort

zu finden


denn: was kommt nach

der tiefsten Stelle des Meeres?


berühren sich dort nicht Ozean und Himmel?


würde ich also am Ende der Reise erneut fallen?

vom Himmel in den Bauch

meiner Mutter

weitere tausendundeinmal

wie die Frucht die

vom Baum fällt

und sich erneut in

Samen verwandelt


ist die Quelle etwa

der Weg?

der ewige Durst

der uns weitergehen lässt?



Unanständiger Vorschlag


Ich habe dir etwas

zum Abendessen gemacht

ob du kommst, ist deine Entscheidung

ich will das Lied singen

das uns gefällt

in dem die Zeit

die einfachen Dinge verschlingt


Ich habe meinen Lieblingsschlüpfer

gewaschen

bei dem unter der Spitze

mein Hintern durchscheint

in den du wohl reinbeißt

deine Brust auf meinem Rücken


Ich habe Portwein gekauft

und falls du mich küsst

schmeckst du die Süße, Reife


Auf den Balkon habe ich Kerzen gestellt

damit sich mein Lächeln

in deinem Glas spiegelt

wenn ich dich anschaue


Ich habe Badesalz in der Wanne

an der Tür einen einzigen Bademantel

damit unsere Körper trocknen

während wir tanzen zum Rhythmus


Vielleicht hast du Angst zu kommen

du willst nicht, vermischen

unsere Beziehung

du bist zu rational

für die vielen Fantasien

die ich für dich habe.



Ich kam nicht, um Fleisch zu sein


Ich kam nicht, um Dollars zu sein

oder Pixel

oder Hashtags


Ich kam, um Spur zu sein

ich kam, um zu benennen

was unbenennbar ist

ich kam, um Fleisch

zu entblößen

und Blut zu umarmen

und Knochen zu säubern


Ich kam, um ohne fleischlichen Körper

darzustellen

was bemerkenswert ist

und das ist nicht Fleisch

sondern was sich verbirgt

hinter Knochen

hinter Blut

hinter Zellen


Ich kam, um als Luft

weiterzuschweben

wenn mein Fleisch schon

verbrannt ist.



Görli im Winter oder Görlitzerkalt


Ich laufe erneut

durch den ausgestorbenen Görli

meine eiskalten Schritte

durchqueren den Alltag

planen, entwerfen

den Weg überdenken

mich erneut fragen:

Wann genau hat sich

die Stadt von einem Abenteuer

in ein Zuhause verwandelt?


Papa schreibt

es sei kalt und er fühle sich

alt

ich antworte ich bin

bei dir

ich wärme dich

aus der Ferne


Aber wie lange

noch?

Die Tage vergehen

einer nach dem anderen

und eines Tages

wird er nicht mehr da sein


und ich laufe weiter

durch die Stadt der Krähen

getreu meiner To-do-Liste

gute Gesellschaft

zur Ablenkung



und Papa

Tag für Tag

im Rad der Zeit

das uns auseinander-

und zusammenbringt

mit immer mehr grauen Haaren

die in den Sekunden

wachsen

die wir getrennt sind

die mir zeigen:

ich bin meine eigene Mutter

ich bin mein eigener

Vater

in dieser gefrorenen Stadt

voller Krähen

in der ich meine Ideale verfolge

in der Tag für Tag

Minute für Minute

Traum für Traum

mich von dem entfernen

was mich einmal

|beschützt hat|



Satisfyer


Nun ist es ein

Plastikgerät

das mein Inneres

durcheinanderwirbelt

das mich morgens weckt

und unter der Bettdecke

zum neuen Menschen macht


Nun sind es Batterien

die mir Druckwellen

schenken

nun hält meine Hand

nur noch

die Vibrationen

des Saugers


Meine Quelle der Lust

kam nun

per DHL

ich hätte nicht gedacht, dass etwas

aus einem Karton

mir morgens

das Aufwachen

versüßen würde.



Ich liebe Feiern


Ich mag Dorffeste

bei denen Junge und Alte

zu Folkloremusik

neben der Bühne tanzen

und alle ihren Alltag vergessen

zwischen Hüpfern und Pasodobles

und einem gelben Traktor

und dich so lange nicht zu sehen

ist eine Strafe

und verschüttetem Wein

zahnlose Alte

die singen und lachen


Ich mag Karneval

Batucadas, Farben

dem heidnischen Umzug

der verschiedenen Gruppen zusehen

mit Glitter, ihre Choreografien nachtanzen

und mich vom Getrommel

mitreißen lassen, das durch die Stadt

dröhnt, bis morgen früh


Ich mag Fest- und Feiertage

wie 1. Mai, Fête de la Musique

an denen die Menschen rausgehen

die Gegenkultur auflebt

auf Wagenplätzen getanzt wird

die Punkseele erwacht

und man bei Mexikanern und Cumbias

den ganzen Clan wiedertrifft


Ich mag Hauspartys

bei Freunden

wo alles sich konzentriert

und die Nacht sich verlängert

und es eins, zwei und zehn wird

und man nach Musik

ausgelassenem Tanzen

und lautem Mitsingen

zur Ruhe kommt

zur geteilten Verletzlichkeit

wo man bei Zigaretten

und Sonnenaufgang

sich immer mehr

mit den Geschichten der anderen

verbunden fühlt


Ich mag Festivals

diese Ferienlager für Erwachsene

im Zelt aufwachen, unbekannte Nachbarn

die zu Freunden werden

barfuß zur Bühne laufen

und sich verirren, und mit

Hut auf dem Kopf wiederfinden

und schließlich daliegen, am See

und die Schönheit des Daseins

betrachten


Ich mag Partys, mit denen ich nicht gerechnet habe

an Tagen, an denen ich früh schlafen wollte

und ein Freund mich einlädt

– ich komm, aber nur für zwei Stunden –

und am Ende auf einer Brücke stehe

und „Bella Ciao“ singe, im Kreis

mit Unbekannten


Ich mag das Adrenalin vor der Party

das Vorglühen zu Hause

das gemeinsame Verkleiden

in den Spiegel schauen

Spritz trinken

Bauchkribbeln

die offenen Augen der Freund:innen

voller Erwartung, was kommt


Ich mag Partys, bei denen die Eltern dabei sind

die Kluft zwischen den Generationen verschwindet

und Karaoke gesungen wird

und dein Vater tanzt mit deiner Freundin

und die Tante betrinkt sich

und alle liegen sich in den Armen

und die Erwachsenen benehmen sich kindischer

als die Jungen

und beim Tanzen erinnern wir uns

dass wir trotz Status

alle gleich sind

wir haben das gleiche Bedürfnis

unser Innerstes auszudrücken

in Gesellschaft zu sein

und das Leben zu feiern.


Ich mag Partymacher

die ihr ganzes Talent reingeben

mit voller Energie

mit voller Lautstärke

und ein Lied spielen

und noch eins und noch eins

obwohl sie schwitzen

legen sie sich ins Zeug

spüren die Resonanz

im Publikum

das wiederum

seine Dankbarkeit zeigt, mit Springen

und fröhlichem Lachen


Ich mag Leute, die ganz bewusst

feiern und nicht

weil sie vor der Realität fliehen

die zum Feiern nicht

von fremden Substanzen abhängig sind

die verstehen, dass Freude

durch die Hüften kommt und nicht

durch die Nase


Aber ich mag auch Bacchanale

volle Teller

sich regende Wollust

durchdringende Blicke

mich daran erinnern, dass wir Genussmenschen sind


Was ich beim Feiern am schwierigsten finde

ist aufzuhören

wann soll man gehen?

dem Gefühl des Kontrollverlusts

eine Grenze setzen

wenn Stunden vergehen

Toasts klirren

Asche stäubt

der Körper entspannt

der Kopf loslässt

ein Joint herumgeht

und man die Musik spürt

und während man einen Freund anschaut

Lieder aus der gemeinsamen Kindheit singt

auf den Text achtet

weil man sich einem anderen Rhythmus hingibt

bei dem das Wesentliche im Zentrum steht

bei dem das Leben endlich

endlich einen Sinn hat.


ree

Alicia Morán, 33, aus Badajoz (Spanien), lebt seit 2017 in Berlin, wo sie als Kulturmanagerin, Leiterin von Schreib- und Berufsfindungsworkshops, Dichterin und Schauspielerin bei der Theatergruppe Raíces de AQUItheaterberlin tätig ist. 2018 gründete sie Pasajero del Muro, eine Initiative, die die Poesie in der spanischsprachigen Gemeinschaft Berlins durch hispanopoetische Treffen, Festivals und verschiedene Workshops zum kreativen Schreiben fördert. Sie veröffentlichte ihren ersten Gedichtband "La búsqueda" beim Verlag Cuatro Hojas und hat mit ihrer Poesie an verschiedenen Festivals, Anthologien und Podcasts teilgenommen. Derzeit mischt sie ihre Poesie mit anderen Formaten wie Technopoesie oder Videopoesie. Ihre Videogedichte Suelas en el Cielo und Satisfyer wurden für das Festival NUDO in Barcelona ausgewählt. Foto: Arne Tobian


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