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Ein Nachmittag in Hoppegarten

Aktualisiert: vor 7 Tagen

Mateo Dieste hat diesen Text beim Salón Berlinés am 12.5.2025 gemeinsam mit Jochen Schmidt vorgetragen.


Die Übersetzung wurde freundlicherweise ermöglicht von der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie ist im Rahmen einer Kooperation von Salón Berlinés und alba.lateinamerika lesen e.V. entstanden..


Moderation: Ingeborg Robles und José Luis Pizzi

Montags 19 Uhr, Crellestr. 26, 10827 Berlin




Ein Nachmittag in Hoppegarten aus dem Spanischen von Amaya Gallegos


Die Pferderennbahn Hoppegarten liegt eigentlich nicht in Berlin, aber es sind die Berliner, die sie am Leben erhalten, wenn sie in Scharen anreisen, um die Pferde galoppieren zu sehen. Pferde und Jockeys laufen seit über 150 Jahren auf dieser 430 Hektar riesigen Rennbahn um die Wette, die 1868 eröffnet wurde und zu Hochzeiten vor dem Ersten Weltkrieg über 20.000 Zuschauer anlockte. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands geriet die Galopprennbahn in finanzielle Schwierigkeiten, die ihre Zukunft gefährdeten. Dennoch kaufte sie 2008 der Investor Gerhard Schöningh und seitdem hat sie den regulären Betrieb wieder aufgenommen und die Aufmerksamkeit von Fans aus der Region und eines internationalen Publikums wiedergewonnen.


Heutzutage werden in Hoppegarten etwa zehn Rennen pro Jahr veranstaltet. Die Saison startet mit Frühlingsbeginn und endet im Oktober. Höhepunkte sind der Große Preis von Berlin und der Preis der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Zu letzterem wurde ich letzten Donnerstag eingeladen.


Wir hatten reservierte Plätze in der Ziel-Loge, direkt an der Zielgeraden der Rennbahn. Wahrscheinlich ist dies der einzige Ort in Berlin, wo die Etikette gebietet, sich als englischer Aristokrat zu verkleiden: Die Damen können Zweiteiler bestehend aus Blazer und Rock zur Schau stellen oder schicke, schlichte Kleider, immer in Kombination mit extravaganten Hüten, einer dezenten Lederhandtasche und natürlich Stiefeln oder Absatzschuhen. Die Herren tragen Sakko, gestreifte Wollhosen, einwandfrei polierte Lederschuhe, den unabdingbaren Zylinder und sogar das ein oder andere Accessoire wie eine Taschenuhr, Handschuhe oder ein Einstecktuch.


Von diesem Standort aus konnten wir die Pferde in ihrer letzten Anstrengung, den ersten Platz zu belegen, beobachten, während diese kaum sechzig Kilo schweren Männlein, die scheinbar über ihnen schwebten, sich kurz vor dem Überschreiten der Ziellinie duckten wie lauernde Katzen.


Es war ein grauer, bewölkter Tag, auch wenn der ein oder andere Sonnenstrahl durch den Nieselregen drang. Ich auch nicht, es ist mein erstes Mal hier, erzählte mir Ursula, eine Deutsche, die ein Trikot der peruanischen Fußballnationalmannschaft trug. Meine Eltern kommen aus Peru, aber ich bin in Deutschland aufgewachsen. Ich bin keine Latina und das merken alle Latinos. Ursula war, wie ich, eine der drei Glücklichen, die eine Eintrittskarte von unserer Freundin Patricia geschenkt bekommen hatte. Patricia hatte die Karten Monate im Voraus gekauft, um mit ihrem Freund mit gewissen Vorzügen und einem befreundeten Paar hinzugehen, aber genau einen Tag vor der Veranstaltung wurden alle gleichzeitig krank oder wie wir auf Alemañol, also einer Mischung aus Deutsch und Spanisch, sagen „se cranquearon“.


Als Ursula mit mir sprach, tat ich so, als hörte ich ihr zu, während ich den Horizont betrachtete. Pati stand auf, um aufs Klo zu gehen und der junge Mann, der zuvor mit ihr geredet hatte, wandte sich nun mir zu und starrte mich an, ohne etwas zu sagen. Um diese unangenehme Situation nicht weiter in die Länge zu ziehen, wollte ich das Eis brechen und stellte mich vor. Er erklärte mir, dass er kein Spanisch spräche, jedoch verstanden hatte, um was es ginge und antwortete auf Englisch, dass er Väinö hieße. WIE heißt du? Ich hatte diesen finnischen Namen noch nie gehört. Er wiederholte ihn mir sehr langsam, so als würde er Grundschülern in Helsinki Lesen und Schreiben beibringen und dann begann er, mir seine Familiengeschichte zu erzählen, wobei er lange Pausen voller nordischen Schweigens machte. Als Pati zurückkam, wollte ich mich neben sie setzen, schließlich war sie die einzige Person, zu der ich ein gewisses Vertrauen hatte, doch nun verwendete Ursula mich als Bespiel, um Väinö zu erklären, wie anders die Leute in Lateinamerika sind.


Alle zwanzig oder dreißig Minuten standen die Leute um uns herum auf, um dieses oder jenes Pferd anzufeuern. Die Nähe zu den Pferden verstärkte den Eindruck, zusehen zu können, wie eine Wettvorhersage Wirklichkeit wurde: Die Würfel waren gefallen. Als das Rennen vorbei war und die Ergebnisse auf dem Tisch lagen, lösten sich die vorangegangenen Gespräche in ein Stimmengewirr auf, das zwischen Jubel und Enttäuschung schwankte. Da sahen wir uns an, begannen von Neuem und nahmen ein bereits vergessenes Gespräch wieder auf, was dasselbe wie ein neues Gespräch ist.


Ich nutzte den Moment und ging mir etwas zu Essen holen. Ich fragte die anderen, ob sie etwas wollten. Pati bat mich, ihr ein paar Pommes oder irgendein Würstchen zu bringen, Ursula wollte eine Krakauer mit Ketchup und Väinö sah mir in die Augen, ohne zu antworten, so als versuchte er zu lächeln, wüsste aber nicht wie. Ich ignorierte ihn und stieg die Treppen zu den Essensständen herunter. Überall waren eine Menge Leute. Unter einem Pavillon spielte ein Orchester „I'm Still Standing“ von Elton John. Es roch nach Holzfeuer und Grillfleisch, aber auch nach Kaffee und Waffeln.


Als ich auf die Würstchen wartete, näherte sich mir eine breit lächelnde Frau, die Deutschlandfähnchen verschenkte und sie gab mir eine. Ich hielt sie in der Hand und wusste nicht, was ich damit machen sollte, wie ein Kind, das zum ersten Mal eine riesige Zuckerwatte in Händen hält, die ihm seine Eltern in einem Freizeitpark gekauft haben. Ich steckte sie hinten in die Hosentasche, damit ich das Essen tragen konnte und als ich die Treppen zur Haupttribüne hinaufstieg, hörte ich eine durchdringende Stimme hinter meinem Rücken, die meine Aufmerksamkeit forderte: Halt, halt! Stopp, stopp! Ich drehte mich um und sah eine Frau mit pink gefärbten kurzen Haaren, die das Fähnchen vom Boden aufgehoben hatte und mir nun wiedergab als vollbrächte sie eine feierliche Tat. Ihr strenger Gesichtsausdruck und der unbarmherzige Blick gaben mir das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben, aber ich besaß nicht die geistige Gewandtheit, um den auf den Boden gefallenen Deutschlandwimpel mit einer Vaterlandsbeleidigung in Zusammenhang zu bringen.


Das Rennen um den Preis der Deutschen Einheit hat begonnen. Ich weiß nicht, ob einer von uns eine Wette abgeschlossen hat, doch die herrschende Anspannung und Nervosität lassen mich das vermuten. Je näher die Pferde kommen, desto schneller schiebt sich Pati aus Nervosität die Pommes in den Mund, Ursula lässt ihre Krakauer kalt werden und anstatt die Deutschlandfahne hin und her zu schwenken, schüttelt Väinö sie zwanghaft mit beiden Händen von oben nach unten, so dass ich ihn nicht aus dem Blick lassen kann, da ich fürchte, er könne mir jeden Moment ein Auge ausstechen.


René Piechulek hat gerade zum dritten Mal in Folge den Preis der Deutschen Einheit gewonnen, dieses Mal gewinnt er mit seinem Pferd Westminster Moon gegen Eduardo Pedroza aus Panama. Der Kommentator erwähnt das Preisgeld, ich glaube es sind dreißigtausend Euro, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich es richtig verstanden habe. Eigentlich ist es mir egal, wer gewonnen hat und wie viel Geld er mit nach Hause nimmt.


Ich bin hier, ohne vollständig zu verstehen, wo ich bin. Weil die Galopprennbahn und die Welt der Pferde für mich ein Ort meiner Kindheit sind. Ich erinnere mich, dass ich die Pferde streicheln wollte, aber nicht konnte, weil sie so groß waren. Jetzt sehe ich sie und weiß, ich könnte es problemlos. Aber ich bin nicht mehr jenes Kind.


Pati bedankte sich bei uns dafür, dass wir sie nach Hoppegarten begleitet hatten, obwohl sie uns nur wenige Stunden vor der Veranstaltung Bescheid gesagt hatte. So spontan kann man hier nicht sein, ihr wisst ja. Deshalb war dieser Tag etwas Besonderes für mich, glaube ich. Wenn ich so darüber nachdenke, sollten wir vier nächstes Jahr wieder zusammen herkommen. Was meint ihr?


Ursula sagte sofort zu und erklärte, dass sie, auch wenn sie nicht die Spontaneität der Latinas besäße, heute doch spontan gewesen sei, weil sie sich bewusst war, dass am Tag der Deutschen Einheit von einer Freundin nach Hoppegarten eingeladen zu werden, etwas ist, dass nicht jeden Tag passiert. Ihre Worte dehnten sich zu einem etwas überflüssigen Monolog aus und sie verlor sich in Details, die versuchten ihren Sinn für Improvisation zu rechtfertigen. Währenddessen drehte Väinö den Kopf von links nach rechts und sah jeden einzelnen von uns an. Er stieß ein leichtes gutturales Grunzen aus, das es nicht zum Wort brachte und schließlich nickte er und deutete ein zweideutiges und unentschlossenes Lächeln an.


Danke, Pati, ich bin dabei. Lass uns diesen Besuch der Pferderennbahn zum Vorwand machen, etwas Zeit miteinander zu verbringen und sei es auch nur einmal im Jahr. Als wir uns verabschiedeten erinnerte Ursula Väinö daran, sein Fähnchen nicht zu vergessen. Der Finne nahm es mit einer Hand und winkte uns zum Abschied damit korrekt von links nach rechts schwenkend zu. Ich weiß nicht, ob es die Pferde, die Würstchen oder der Nationalfeiertag waren, aber irgendetwas hat uns vielleicht an diesem schönen Nachmittag, den wir in Hoppegarten verbracht haben, vereint.


Autor Mateo Dieste

Mateo Dieste (Montevideo, 1987) ist Philosoph und Essayist. Er lebt in Berlin und studierte Philosophie und Weltgeschichte an der Humboldt-Universität, wo er auch das Seminar „Thinking globally the History of Philosophy” hielt. Er ist Autor von „Junando el siglo XXI. Una filosofía desde el ensayo” (Abrazos Verlag, 2022) und „Los cuatro mundos del bandoneón. Breve ensayo contra el tango” (Abrazos Verlag, 2024). In seinen Schriften untersucht er die Beziehung zwischen Denken, Alltag und Populärkultur mit einem kritischen und zugänglichen Blick, der sich an ein nicht spezialisiertes Publikum richtet. Derzeit arbeitet er an seinem nächsten Werk mit dem Titel „Glosario berlinés: una manera de habitar la ciudad“ (Dt. in etwa: Berliner Glossar: eine Art, die Stadt zu bewohnen), in dem er verschiedene Genres wie Chronik, narrativen Essay, autobiografisches Zeugnis und Autofiktion miteinander vermischt.

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