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Walter Lingans „Phantomschmerzen“

Walter Lingan hat diesen Text beim Salón Berlinés am 30.06.2025 gemeinsam mit Lena Tietgen vorgetragen.


Moderation: Ingeborg Robles und José Luis Pizzi

Montags 19 Uhr, Crellestr. 26, 10827 Berlin




Phantomschmerzen

Übersetzung: Gaby Küpper

 

Niemanden soll man

wegen meines Traums beschuldigen

 

Luis Hernández

 

Doktor Alfonso Casafranca träumte, er sei nackt und läge auf dem Tisch eines erleuchteten Dissektionssaals. Der Anatomieprofessor, mit grünen Augen und silbrigblonden Haaren, näherte sich ihm, das Dissektionsbesteck in der Hand. Er spürte den ersten Schnitt wie eine leichte Liebkosung, schmerzlos, dann sah er seinen Arm von Körper abgetrennt auf einem anderen Tisch auf einem formolgetränkten Tuch liegen. Er sah, wie das Weiß des margo medialis des Schulterblattes leuchtete, daneben ein paar dünne Rinnsale geronnenen Blutes. Der Professor tastete die Muskelrelief und prominente Skeletteile ab, danach begann er mit dem systematischen Preparieren einer der oberen Extremitäten, wobei er den anatomischen Grundsatz befolgte: von proximal nach distal. Mühelos durchdrang das Skalpell die Haut, Minuten später erschienen die Muskelfascien und zeigten die kräftigen Erhebungen der Musculi trapezius, deltoideus und pectoral mayor. Mit einer Pinzette extrahierte er das gelbliche Fett und versuchte dabei, Nerven und Blutgefäße nicht zu verletzen, bis daß die Vena cephalica und die Arteria brachialis allmählich auftauchten... Plötzlich fühlte er sich durchnässt und wachte jäh auf. Er hob die Arme, sie waren in Ordnung. Er untersuchte das Bett, weil er glaubte, ein ungelegener nächtlicher Samenerguss habe ihn naß gemacht. Dann zog er sich an und dachte über den grässlichen Traum nach. Vor dem Spiegel stellte er sich die energischen Gesichtszüge des Chirurg Roland Beckermann vor, mit dem er das Arztzimmer im Krankenhaus teilte, seine flinken Hände, wenn sie geschickt allen chirurgischen Instrumenten handhabten, um einen Ballonkatheter oder einen intraluminalen Shunt zu setzen. Beim Frühstück betrachtete er die düsteren, bleifarbigen Bäume und ließ sich von den Vögeln ablenken, die über die Nachbardächer flogen. Wie dumpfes Flügelschlagen eines seltsamen Vogels klangen ihm die Verse seines Landsmannes, des Guatemalteken Otto René Castillo, im Ohr:


Und so

wie ich

manchmal

der trübste

der Menschen bin,

gibt es Tage,

wie jetzt,

an denen ich

der klarste

von allen bin,

und am meisten

der Zärtlichkeit zugetan...

 

Er kam ein bisschen früher als gewöhnlich im Krankenhaus an. Eine Patientin war bereits auf den Beinen und schob ihren Infusionsständer vor sich her. Die Plastikflasche mit einer gelb-ockerfarbenen Flüssigkeit war über ein langes, intravenöses System, durch das die Flüssigkeit in ihren Körper drang, mit ihrem Arm verbunden. Durch eine Sonde, die aus den abgenutzten Rändern ihres Morgenmantels hervorlugte, floss gelblicher Urin vom in den Falten ihrer Vagina verborgenen Uringang bis zum Urinbeutel. Im Arztzimmer schrieb Dr. Beckermann Notizen in ein schwarzgebundenes Heft. Er grüßte ihn wie immer, wagte jedoch nicht, ihm seinen Traum zu erzählen. Er zog sein Hemd, die schwarzen Schuhe und die blaue Hose aus und streifte sich Sandalen, weiße Hose und einen weißen Kittel über. Zehn Minuten später würde Frau Professor Sabine Plätzer, Leiterin der Klinik für Plastische und Wiederherstellungschirurgie, eintreffen. Schweigend, beweglos und ehrerbietig mussten sie sie erwarten, den Kopf leicht gesenkt und in einer der herrschenden Hierarchie entsprechenden Aufstellung; ihre Antworten mussten für die neuen Patienten präzise Diagnose und Prognose enthalten und den Krankenverlauf der Operierten spiegeln. Im Anschluss an diese rituelle Übung fuhren sie mit einer routinemäßigen und eiligen Visite fort: drei oder vier Minuten pro Patienten. Nachdem auch diese Zeremonie überstanden war, gingen Dr. Beckermann und Dr. Casafranca zum Operationssaal und zogen sich schnell um. Während sie sich die Hände wuschen und desinfizierten, gingen sie die möglichen Entlassungen durch, freiwerdende Krankenzimmer, den Patienten, der an einer überraschend aufgetretenen Lungenembolie gestorben war. Unter dem Vorwand, ihm etwas Vertrauliches zu sagen, kam Dr. Casafranca näher, bis dass er den Körper von Dr. Beckermann berührte. Heftiges Begehren stieg in ihm auf, und ein leichter Schwindel trübte seine Augen, als er auf die schönen Hände des jungen Chirurgen sah... Nach fast drei Stunden verließen sie den Operationssaal.


Die Krankenhauskantine wirkte wie das Vorzimmer zum Paradies, mit lauter Engeln, die unter ihren weißen Kitteln die Kennzeichen ihres Geschlechtsunterschieds verbargen. Dr. Alfonso Casafranca sagte gerade, dass die Deutschen nur das lesen, was die Bestsellerlisten im Spiegel empfehlen oder was diese erlauchten Blindgänger aus dem Literarischen Quartett ebenfalls gelesen haben. In Lateinamerika sei nach einigen Jahren Einsamkeit und der einen oder anderen Geschichte von Obersten und Generälen in ihren Labyrinthen, nach Gesprächen in der Kathedrale, Kriegen im Serta‘o und olympischen Geiselnahmen nichts mehr geschrieben worden, was es wert sei zu lesen. Viele Romane seien wie Berlin, "mehr Ruhm als Wirklichkeit". Ohne mit dem Essen aufzuhören, folgte Dr. Beckermann aufmerksam den Behauptungen seines Kollegen zu. Als Casafranca gerade gesagt hatte, er zöge es vor, marginale Autoren zu lesen, die nur in ihren jeweiligen Heimatländern oder dort, wo sie schrieben, bekannt seien, war Dr. Beckermann mit dem Essen fertig, griff zu einer Zigarette und blies die erste Rauchwolke an die Decke. In dem Moment sagte Dr. Casafranca schnell zu ihm:

»Weißt du...« und brach ab. Dr. Beckermann zog nochmals an seiner Zigarette.


Dr. Casafranca versank in einem Meer von Zweifeln. Fast wollte er schon mit seinem Anliegen zurückstecken, überwand dann aber doch die letzten Reste seiner Schüchternheit und entschloss sich endlich, es ihm zu sagen:

»Gestern Nacht habe ich von dir geträumt.«


Der Satz war nicht mehr als ein Wispern, als ob er zu sich selbst gesprochen hätte. Nervös stach er seine Gabel ins Steak und bereute schon wieder, ihm sein Geheimnis anvertraut zu haben.


»Was für ein Zufall«, antwortete Dr. Beckermann, »ich habe auch von dir geträumt.«


Ein Blutschwall schoss Dr. Casafranca ins Gesicht, er fieberte und wusste nicht, wohin er seinen Blick wenden sollte. Einen Vorwurf, das war es, was er erwartet hätte, ein "Du bist ja verrückt", ja vielleicht sogar ein "Scheißschwuler"; es war schon vorgekommen, dass man ihn so nannte, wenn er es einmal, seinen ganzen Mut zusammennehmend, gewagt hatte, seine Gefühle auszudrücken.

»Wirklich?«, sah er ihn mit einem Gesicht voller Fragezeichen an.

Dr. Beckermann gab keine Antwort, erhob sich und verließ die Kantine.


Zuhause dann, im neuen Pyjama aus chinesischer Seide und dem Symbol der Männlichkeit auf der Brust, schlürfte Alfonso Casafranca die letzten Tropfen eines Havanna Club. Als im Fernsehen der Beginn des Worts zum Sonntag angekündigt wurde, schaltete er den Apparat gelangweilt aus. Er ging zu Bett und freute sich schon darauf, im House of God von Samuel Shem weiterzulesen. Bevor er einschlief, las er: Der Leggo fuhr fort mit einer Erklärung über die Heiligkeit des Lebens. Wie bei den Erklärungen des Papstes lag auch bei ihm die Betonung darauf, dass immer und für jeden in alle Ewigkeit alles getan werden musste, um den Patienten am Leben zu halten. Er hatte sagen hören: "Chirurgen sind wie Katzen: sie graben die Scheiße ein". Ein paar Sekunden lang kreisten seine Gedanken um seinen Kollegen, Dr. Roland Beckermann...


Dieses Mal ging der Traum viel weiter als der Vorherige. Der Anatomieprofessor war Dr. Beckermann und trug einen blauen Pyjama mit dicken weißen Streifen. Der Dissektionssaal roch stark nach Formol. Er legte ein scharfes Skalpell und mehrere anatomische Pinzetten der Reihe nach auf den Rand des Bettes und begann, an seinen Zehen zu saugen und ihm das Fleisch stückchenweise auszureißen. Compañero, mein Liebling. Dr. Alfonso Casafranca nahm Dr. Roland Beckermanns Hände in die seinen, küßte sie und schlang dann die Arme um seinen schlanken Hals. Seine Lippen liebkosten sein perfekt rasiertes Gesicht, und er küßte ihn auf den Mund. Dr. Beckermann macht sich mit Gewalt los und warf sich ihm mit dem Skalpell in der Hand auf den Brustkorb. Das Brustbein knirschte bei diesem heftigen Angriff mit den aggressiven Klingen des Messers, und die Arteria thoracica interna zerplatzte in Hunderte von roten Sternchen, die sich an die silbrigen Fäden der intercostalnerven hingen. Unter der fascia endothoracica ruht das Herz, geschützt durch das Pericardium. Der Schnitt ging den Körper weiter hinunter, bis daß er auf das Diaphragma traf, und öffnete dann die Peritoneal höhle und das Omentum majus. Dr. Casafranca spürte einen angenehmen Schmerz, als er sah, dass seine inneren Organe, die das Herz umgaben, auf dem Tisch lagen...  Am nächsten Tag wachte er freudig auf, im Spiegel sah er hübscher und jünger aus, die Muskelschwäche war von seinem Bauch verflogen. Er machte ein paar Liegestütze und Kniebeugen und stellte sich unter die Dusche. Die Wunden an seinen Zehen waren nicht der Rede wert. Als er im Krankenhaus ankam, erzählte er es Dr. Beckermann.

»Ein erfahrener Chirurg hinterlässt keine Narben« kommentierte Dr. Beckermann feierlich.


Der Tag war anstrengend gewesen. Es war fast sechs Uhr abends, als Dr. Casafranca den Kittel auf den Infusionsständer hängte, der als provisorischer Garderobenschrank diente. Er schüttelte die Füße, und die weißen Sandalen Marke Birkenstock flogen davon. Eigentlich wollte er sie austauschen, weil er gehört hatte, dass der Fabrikant eine Neonaziorganisation unterstützte, aber die wenige Freizeit, die ständigen mörderischen Nachtwachen fast ohne Pause... Er setzte sich auf den Stuhl, sog ärgerlich die Luft ein, weil ihn die Klimaanlage störte, und zog sich weiter aus. Während er seine neuen blitzsauberen und faltenfreien Jeans überstreifte, sah er auf die Uhr. Dann schlüpfte er in seine schwarzen Schuhe, band die Schuhriemen und fuhr schließlich mit den Händen glättend durch sein dunkelbraunes Haar. Bevor er das Arztzimmer verließ, ordnete er noch einige Papiere, die sich auf dem Schreibtisch stapelten; in einer der Schubladen suchte er etwas, das er nicht fand. Dann er hob er sich und dachte einen Moment nach, während er den Schlüssel ins Loch steckte. Anfangs hatte er immer belustige die Aufschrift gelesen, die am oberen Teil der Tür angebracht war: »Zu Risiken und Nebenwirkungen, essen Sie die Packungsbeilage und schlagen Sie Ihren Arzt oder Apotheker«, aber in letzter Zeit nahm er sie nicht einmal mehr wahr. Er durchquerte die sterilen und lautlosen Gänge der chirurgischen Poliklinik des Krankenhauses. Nach fünf Stunden, bei denen er im Operationssaal Frau Professor Sabine Plätzer assistiert hatte, war es gelungen, den zerquetschten Fuß eines Jungen wiederherzustellen, der von einem Lastwagen überrollt worden war. Er war müde, violette Ringe umrandeten seine Augen, und wenn sich in diesem Moment sein Piepser gemeldet hätte, das Dings, das jeder Arzt in der Tasche bei sich führte, hätte er ihn an die Wand geworfen. Er klingelt immer im ungeeignetsten Moment, selbst wenn man auf der Toilette ist, und sein Fiepen ist immer die Ankündigung irgendeines Notfalls, mit anderen Worten, eines noch längeren Arbeitstages im Krankenhaus...


Schließlich tauchte die Straße auf, Schnee ruhte auf den nackten Wipfeln der Bäume. Kalte Windstöße schlugen das Gesicht Dr. Casafrancas, und in den Schuhen zogen sich seine Zehen vor Schmerz zusammen. Die frühe Dunkelheit hüllte Straßenlaternen, Autoscheinwerfer und Kinder, die im Schnee spielten, in eine geisterhafte Atmosphäre. Das Krankenhaus blieb zurück, und Dr. Casafranca setzte sich den Walkman auf, die Musik ergoß sich in seine Ohren und betäubte ihn. So ging er seinen Weg, als flöge er über die wogenden Instrumentalklänge. Er wollte schnell nach Hause, sich duschen und in sein breites und weiches Bett legen, andererseits aber erfüllte ihn die Vorstellung, eine weitere Nacht allein zu verbringen, fand er trostlos. Ihn schmerzte der Gedanke an gescheiterte Liebschaften, genauso wie Amputierte die Gliedmaßen spüren, die sie gar nicht mehr haben. Eine seiner letzten Gelegenheitslieben hatte ihm, als er ihn verließ, eine Sammlung von Büchern über Bauchchirurgie gestohlen, die er in England gekauft hatte. Er fühlte sich froh, wenn er an das Gespräch mit Dr. Beckermann am Mittag dachte. Am folgenden Tag musste er früh aufstehen, trotzdem nahm er sich noch die Zeit, in eine Spezialbuchhandlung für medizinische Literatur zu gehen und schaute einige Bücher durch: »Surgical Infections«, »Aneurysmen der großen Arterien«, »Die Arteriosklerose als chirurgische Aufgabe«, »Rekonstruktive Chirurgie der Arterien« und andere mehr. Dr. Roland Beckermann, dachte Dr. Casafranca, war nicht wie die anderen Kollegen, er hatte eine Bildung, die weit über die der medizinischen Wissenschaft hinausging, und das machte ihn sympathisch und interessant. Er hatte die wichtigsten Autoren der deutschen Literatur mit der gleichen Leidenschaft wie ein Chirurgie Handbuch gelesen. Einmal hatte er während eines Mittagessens auf der Kantinenterrasse seine Kollegen überrascht, als er die folgenden Verse zitierte:

Mit

fünf Jahren

war ich mir...

über alles klar.

 

In China

wurde Französisch gesprochen

in Afrika

gab es einen Vogel, der Känguru hieß,

und

die Jungfrau Maria war katholisch und hatte ein

himmelblaues

Kleid an.

Sie war aus Wachs und dem lieben Gott

seine Mutter.

 

»Das ist ein Beispiel für die Literatur von Arno Holz, einer der Vertreter des konsequenten Naturalismus«, erklärte er ihnen. Frau Dr. Edda Silbernagel bewunderte die Vielseitigkeit von Roland Beckermann. Die anderen Kollegen, die sich auf Themen beschränkten, die mit Pathologien und chirurgischen Techniken zu tun hatten, lächelten verlegen. »Lyrik ist die Medizin der Seele«, fügte Dr. Beckermann hinzu, aber niemand, außer Dr. Casafranca, wollte auf ihn hören. In der weißen Welt der Medizin war Dr. Roland Beckermann ein äußerst seltsamer Vogel: politisch war er einigermaßen engagiert, er nahm an Demonstrationen gegen Neonazis teil, war in Ruanda gewesen und aktives Mitglied der »Ärzte ohne Grenzen.« Den schwächsten Schichten der Gesellschaft galt seine besondere Aufmerksamkeit, was im Gegensatz stand zu seiner offensichtlich harten Art, wenn es darum ging, die beklemmende und fast unmenschliche Tätigkeit eines Arztes auszuüben. Es war sein Wunsch gewesen, Arzt nach altem Stil zu sein, das heißt, sich seinen Patienten wirklich menschlich zu widmen. Nach sieben Jahren im Krankenhaus aber sagte er ganz offen, dass er enttäuscht war: »Wir sind wie Maschinen, die gezwungen sind, 24 Stunden am Tag zu arbeiten und fast pausenlos durchgehend dienstbereit zu sein.«


Der nächste Traum war eine unvergessliche Lektion. Der Anatomieprofessor, Roland Beckermann, tauchte darin auf, wie er Pablo Neruda las:


Wenn ich dein Gesicht nicht betrachten kann,

so betrachte ich deine Füße.

 

Deine Füße aus gewölbtem Knochen,

deine kleinen, festen Füße.

 

Ich weiß, dass sie dich tragen,

und dass dein liebliches Gewicht

auf ihnen sich erhebt...

 

Das Skalpell durchtrennte die Haut, suchte nach der Articulatio metatarsophalangea, und ein sanfter Schnitt ließ den Zeh rollen.


Wenn deine Hände, Liebe,

meinen Entgegenkommen,

was bringen sie mir, fliegend?

Warum hielten sie plötzlich

inne auf meinem Mund?...

ehe sie selbst waren,

mir schon über die Stirne,

über die Hüfte gestreift?...

 

Als zöge er eine Trennlinie zwischen metacarpo und Phalangen, drang Dr. Beckermann mit dem Skalpell langsam immer tiefer ein und legte jenes dergestalt verstümmelte Gliedmaße auf die Brust von Alfonso Beckermann, anschließend führte er die gleiche Operation mit den Fingern der anderen Hand durch. Vor Freude weinend erinnerte sich Dr. Casafranca der Verse des Dichters José F.A. Oliver:


Ich gehöre den Umrissen eines Körpers,

der geht.

Für immer geht.

Es ist ein Aufwachen ohne Rückkehr.

Ein Aufwachen,

wie man nur in Deutschland aufwachen kann.

Wie man nur in Deutschland aufwachen muss.

Wie man gezwungen wird,

in Deutschland aufzuwachen.

 

Dr. Beckermann warf Skalpell und anatomische Pinzette von sich, ließ den Arztkittel auf den Boden fallen, setzte sich an seine Seite und rezitierte sodann ein Gedicht von César Vallejo:


Der Unterschied ist heute größer sogar

heute leide ich süß, bitterlich,

ich trinke dein Blut entsprechend dem harten Christus

ich esse dein Knochen entsprechend dem sanften Christus

weil ich dich liebe, zwei zu zwei, Alfonso,

und das konnte ich fast ewig sagen...

 

Als er aufwachte, bluteten die verstümmelten Hände von Dr. Alfonso Casafranca stark. Unter großen Anstrengungen gelang es ihm, den Blutfluss zu stoppen und die Wunden zu verbinden. Glücklicherweise hatte er ein digitales Telefon, so dass er das Krankenhaus anrufen konnte, um Bescheid zu sagen, dass er krank war und nicht arbeiten gehen konnte.


Er hatte weder Lust noch Kraft, sich ein Frühstück zu machen. So trank er bloß ein Glas kalter Milch und ging ins Bett. Als er beinahe eingeschlafen war, klingelte es schrill an der Tür, aber er kümmerte sich nicht darum und machte es sich erneut unter der warmen Bettdecke bequem. Diesmal war der Traum brutal, aber er verursachte Dr. Casafranca keine Schmerzen, im Gegenteil, er erfüllte ihn mit paradiesischen und aufwühlenden Eindrücken. Dr. Roland Beckermann hatte einen hellblauen Pyjama an und schlitzte ihm mit dem Skalpell die Oberschenkel auf; die Musculi sartorius, tensor fasciae latae, quadriceps femoris, vastus lateralis und intermedius und die Muskeln der Adduktorengruppe fielen in großen Fetzen herunter. Die Vena und Arteria femoralis und der Nervus ischiadicus hingen wie Fransen herunter, wie die Saiten einer kaputten Gitarre. Er sah sein rechtes Femur mit dem Rest der Menisci und den Ligamenta collaterale fibulare und tibiale; das linke Femur wurde auf dem Boden langsam weiß, aber Alfonso Casafranca maß dem keine Bedeutung bei, er war kein Schlafwandler und brauchte daher beim Träumen keine Beine. Über das Bett wogten scharlachrote Wellen, es sah aus wie das Rote Meer. Das Telefon klingelte durchdringennd, doch Dr. Casafranca öffnete kaum die schläfrigen Augen, er konnte schon nicht mehr aufstehen.


Tage später kommentierte man auf der Chirurgiestation des Krankenhauses die fortdauernde Abwesenheit von Dr. Alfonso Casafranca. Versuche, sich mit ihm telefonisch in Verbindung zu setzen, schlugen fehl. Alles war sehr merkwürdig. Schließlich entschloss sich Dr. Roland Beckermann, die Polizei zu verständigen. Stunden später ein Polizeiwagen traf in der betreffenden Adresse an. Zwei kräftige Polizeibeamten stiegen lustlos aus dem Wagen aus, blieben vor der Tür des Apartments stehen und klingelten lang und andauernd. Als sie keine Reaktion erfolgte, brachen sie die Tür auf und entdeckten unter der blutigen Bettdecke den verstümmelten Körper Dr. Casafrancas.

 



 

Autor Walter Lingan
(c) MAT

Walter Lingán (Peru) ist Arzt und Schriftsteller.


Er hat zahlreiche Romane und Erzählungen veröffentlicht, darunter

Sie nannten mich Ashé (2022), Mein Name ist Nationalstreik (2024) und die Erzählbände Um Mitternacht in der Ewigkeit (2020) und Meine schwarzen Blumen und andere Unanständigkeiten (2022). Zuletzt erschien das Kinderbuch Niña und Stupsi – Die unglaubliche Reise von zwei Meerschweinchen zum Mond (2024).


Er hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u.a. den Ersten Platz beim Internationalen Kurzgeschichtenwettbewerb José María Arguedas (Frankreich), den Ersten und Zweiten Platz beim Literaturwettbewerb IV Voces del Chamamé (Spanien) und den Ersten Platz beim literarischen Kurzgeschichtenwettbewerb El Butacón (Deutschland).


Nachdem er vierzig Jahre in Köln gelebt hat, wo er nach wie vor die monatliche Lesereihe „La Ambulante“ kuratiert, ist er vor einiger Zeit nach Wien gezogen. Dort hat er vor Kurzem den Salón Vienés gegründet.

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