Elza Javakhishvili: Gedichtreihe „Exil ins Gesicht“
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Elza Javakhishvili hat diesen Text beim Salón Berlinés am 08.09.2025 gemeinsam mit Cristina Rivera Garza vorgetragen.
Die Übersetzung wurde freundlicherweise ermöglicht von der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie ist im Rahmen einer Kooperation von Salón Berlinés und alba.lateinamerika lesen e.V. entstanden.
Moderation: Ingeborg Robles und José Luis Pizzi
Montags 19 Uhr, Crellestr. 26, 10827 Berlin
Exil ins Gesicht*
***
Austauschbar meine Haare auf meiner Haut, laut stumm halten.
Die Sinnesorgane, sorgsame Atemnot.
Stämmiger Geruch meiner Muttersprache.
Die Asche der beschriebenen Kindheit auf dem transparenten Scheibenbrot.
Das Gebet flüsternd ins Bett gegangener unbedeutender Körper.
Das Morgenrot des melancholischen Staubs.
***
Die Haken an der nackten Wand anbringen.
Außer der Geräuschlosigkeit: fremder Zweifel.
Ungelernt.
Ungeleert.
Der zerlegte Befehl: keinmal die Ewigkeit! Endlose Ablöse.
***
Der Glaube bleibt untröstlich, in sich verschlossen.
Ein Teil der Entscheidung.
Entfremdung ohne Arg.
Exil ins Gesicht.
Die verlorene Sicht.
Die verzehrte Linie, ein Buchstabenfaden, der die Adern bindet.
Die Lücke der Leere.
Die nackten Wörter, ungeschmückt!
Banal und nahtlos.
Ich bin sieglos. Der Inhalt des Winters!
***
Gerade, sehr gerade, ein Seil im Schnee.
Mich begleitet im Nebel eine eigelbliche Sonne,
Omas Hände, die ich ein letztes Mal im holzstaubigen Sarg angerührt habe –
Sehnsucht fasste sie an.
Aschfarben, gekratztes Metallic waren doch ihre Haare.
Fast weiß wie gemahlener Weizen,
mehliger Staub auf dem schwarzen, feuchten Eichenfass.
Beklebter Mehltau,
Traubensaft und Nüsse.
Nach und nach rieche ich nach dir jetzt, das Herz hetzt.
Zorn habe ich nicht, ich habe deine Adern wie ein Seil angefasst.
Wie ein Seil im Schnee, kalt und gefroren.
Ein Seil, das ich nicht mehr für das Aufwärmen vom Frost aussaugen kann.
Dein Abschied ist ewiger Frost.
Tröste mich nicht mehr.
***
Wer kann meine Ängste streicheln?
Die längste Linie im Körper.
Der Rand ragt hinaus und wer kann ihn sanft ausradieren?
***
Die Stimme.
Die Stimmstärke, Akt der bedeutungslosen Bewegung.
Die Erregung meiner Vorstellung in der Halsröhre,
hautnah.
Nach und nach.
Der Bach im zahllosen Sand.
Dein Stimmengewässer.
Dünn und formlos dein Gespräch mit mir,
mit dir selbst.
Die geringe Stärke deiner Stimme befeuert mein limbisches System.
***
Wenn ich ja sage, dann sähe ich die Wege zur Erinnerung –
die inneren Schlösser meiner Vorstellungen von Wintergarten. Den harten Winter trage ich
auf dem Rücken
wie einen Rucksack ohne Dreck
und irgendwie spüre ich das Gefühl:
Ich muss irgendeine*n doch vermissen,
werde vermissen.
Werfe ich die Werte,
wette noch und:
Heute wird ein guter Tag sein und ich hüte diese Gedanken –
was muss noch angepasst werden?
Die Felder müssen ausruhen.
Die Uhrenfabrik ist jetzt verlassen.
Oder
die Flüsse spannen meine Unterkunft am Eingang des Anfangs an.
***
Auf der fensterlosen Wandfläche knackt die Zitronenschale, ausgedünnt gelb.
Lichtgelb.
Unbemerkt.
Auf der Waldfläche mit den verwaschenen Farben zähle ich die Schattennarbe. Nicht
grau. Nur rau.
Auf der Handfläche glänzen die Setzbilder der Tropfen aus meiner Augennetzhaut.
Das Gerüst des gestrigen Schreis, den ich nicht lange anhielt.
Die Blöcke.
Die Brücke zu mir, zu meinen Räumen. Hell, fast weiß, ich weiß: es heißt lichtvoll heiß.
Unverhüllt will ich sein.
Ich bin immer nackt in meinen Träumen.
Ich fühle immer mehr mein Begehren, das überfüllte Meerwasser, salzig, seidiges Gefühl.
Eintauchen.
Sich anschauen.
Nackt sein.
Die Flocken begründen den Takt des Erträumens, um sich in Sicht zu leuchten,
sich zu binden.
Kalt.
Kein Opfer.
Nur du – hier ein wenig immer noch aktuell.
***
Die Beleuchtung auf den Poren,
wie lange ist noch die Nacht mit dir?
Eine noch?
Bevor die Loren zu singen anfingen und
die Nacht der Wiederholung ist wieder im stillen Traum, eine noch?
Der Abraum – wie ungenutzte Landschaft –
mein Bett eingekleidet in weiße Segeltücher
ohne Falten,
ohne Fakten,
ohne Akten,
ohne nackten Körper.
Eine Wiederholung ist nicht mehr da in einem tiefen Traum. Es bleibt immer mit mir in
einem digitalen Raum.
***
Einen Applaus höre ich aus den schwarzen Lautsprechern heraus.
Hände zu Hände, Hand auf Hand
und dann die Geräusche in der akustischen Form zum filmischen Akt.
Halt mal den Augenblick mit dieser Klangfarbe in dir an.
Hole den Sturm der befehllosen Stimme aus deiner Muskulatur,
die meine Angst entwurzelt hat.
Ein Rat ohne Tat,
der Weg ohne Ziel
und
die Einheit meiner vermehrten Zellen, die nach irgendwelchen Seelen sehnen.
Mehrstellig. Mehrselig.
In Orakeln verankert sein
und den Vulkanen der Alphabetschrift sich verdanken,
dass du im Gesteinsschmelzfluss der Worte zu schwimmen anfängst.
Die Schiffe schaffen die Schattenspiele und mich erreicht die Schärfentiefe.
Hinausschauen.
Wertschätzend wegschauen.
Vertrauend weglaufen.
*Die Erstveröffentlichung des Gedichtzyklus „Exil ins Gesicht“ auf Deutsch erfolgte 2024 in der Zeitschrift Edit (Frühling 2024, № 91)

Gebürtige Georgierin, Elza Javakhishvili, ist Künstlerin, visuelle Dichterin und Lyrikerin. Sie studierte Film und Fernsehregie, an der Universität für Theater und Kino von Shota Rustaveli zu Tbilissi (Georgien), sowie am Institut für Kunst und Materielle Kultur, Fachbereich Kunst und Kulturanthropologie des Textilen in Dortmund (BA). Mit der Arbeit Ge[form]te Sprache als Textbild – Eine Reise in heterolinguale Räume, welche sich mit sprachlichen und bildlichen Zeichensystemen und ihrer Funktion in bildlichen Konstellationen beschäftigt, schloss sie 2016 den postgradualen Masterstudiengang Art in Context an der UdK Berlin ab. In ihrer künstlerischen Praxis spielt die Auseinandersetzung mit der Kommunikation einzelner Personen mit der Gesellschaft, die Verbindung zwischen Sprache und Bild, zwischen Personen und alltäglichen Gegenständen, die Attitüde zwischen verschiedenen Kulturen sowie die Beziehung zwischen Gegenwart und Vergänglichkeit eine sehr wichtige Rolle. Im Jahr 2023 wurde ihr erster Gedichtband საგზალი (dt. PROVIANT ) für das beste Debüt beim SABA-Literaturpreis Georgiens nominiert. (Der SABA-Preis ist die wichtigste literarische Auszeichnung in Georgien.) 2024 wurden ihre lyrischen Texte auf Deutsch in der Literaturzeitschrift EDIT - N°91 veröffentlicht. 2025 nahm sie an der Lesung Bewegung Lyriknacht mit Musik auf der Leipziger Buchmesse teil. Außerdem war sie beim 26. Poesiefestival Berlin sowie beim Stuttgarter Literaturfestival dabei, wo sie an der Nacht der Poesie mitwirkte. Im Oktober 2025 folgte eine Retrospektive ihrer bisherigen lyrischen/poetischen Werke im Literaturhaus Salzburg, bei der sie von Yevgeniy Breyger vorgestellt wurde. Sie lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin und Lyrikerin in Berlin.




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