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Auszug aus dem Roman „Ein Auftrag für Otto Kwant“

Aktualisiert: vor 7 Tagen

Jochen Schmidt hat diesen Text beim Salón Berlinés am 12.5.2025 gemeinsam mit Mateo Dieste vorgetragen.

Die Übersetzung wurde freundlicherweise ermöglicht von der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie ist im Rahmen einer Kooperation von Salón Berlinés und alba.lateinamerika lesen e.V. entstanden. Salón Berlinés

Moderation: Ingeborg Robles und José Luis Pizzi

Montags 19 Uhr, Crellestr. 26, 10827 Berlin



Kapitel 13

Die Tür schloß sich automatisch hinter Otto, und er konnte im Dunkeln nicht erkennen, wo er war. Er versuchte, möglichst leise zu atmen und auf Geräusche zu achten. Weil nichts zu hören war, tastete er die Wand neben der Tür nach einem Lichtschalter ab. Obwohl er keinen fand, leuchteten Neonröhren flackernd auf und Otto sah, daß er sich in einem kahlen, weißen Korridor befand. Die Eingangstür hinter ihm besaß weder Knauf noch Klinke. Otto murmelte noch einmal: «Sesam öffne dich», aber diesmal funktionierte der Spruch nicht. Unter den gegebenen Umständen wirkte die Klinke der Tür am anderen Ende des Gangs wie eine Einladung, sein Glück zu versuchen. Otto ging langsam den Korridor hinunter, legte seine Hand auf die Klinke und wartete auf den Entschluß, sie zu drücken, als aus einem Lautsprecher eine freundliche Frauenstimme zu hören war:


«Die Tür ist nicht verschlossen, Dr. Kwant.»

«Ich bin leider nicht promoviert.»

«Sie können jetzt reinkommen.»

«Und wenn ich nicht will?»

«Warum wären Sie dann hier?»

«Ich weiß ja gar nicht, wo ich bin.»

«Vielleicht wollen Sie es erfahren?»

«Natürlich, aber bevor ich reinkomme.»

«Im Moment stehen Sie in einem kahlen, unschön beleuchteten Gang. Es kann nur besser werden.»

Otto öffnete die Tür und betrat einen halbrunden, fenster- losen, etwas zu niedrigen Raum, der vollständig mit einem schweren, beigefarbenen Teppich ausgelegt war. Die Wände waren mit Damastvorhängen geschmückt, die seitlich gerafft waren, um den Blick auf eine Reihe amateurhaft gemalter Ölbilder mit Szenen aus dem Leben nordamerikanischer Indianerstämme freizugeben. Eine Bodenstanduhr aus Palisander tickte auffällig laut. Die Mitte des Raums füllte ein massiver Eichenholz-Schreibtisch, dessen grüne Fläche bis auf eine Sammlung von Bohrturm-Modellen leer war. Wie hatte man dieses Möbelstück hierher transportiert? Der Schreibtisch war offensichtlich zu groß für die Türen, jedenfalls für die, die Otto sehen konnte. Vielleicht gab es noch einen versteckten Eingang? Die Rückwand des Schreibtischs war mit aufwendigen, möglicherweise allegorischen Schnitzereien verziert, in der Mitte hatte ein Adler seine Flügel aufgespannt und hielt einen Büffelkopf in den Krallen. Auf dem dunklen Ledersessel hinter dem Schreibtisch saß ein Mann, der die Füße auf den Tisch gelegt hatte, ohne sich die Mühe zu machen, seine Schuhe auszuziehen. Er blätterte in einer Akte, auf deren Rückseite «Dr. Otto Kwant» stand.

«Bitte setzen Sie sich doch. Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Eine Coca Cola? Zögern Sie nicht, in Urfustan bekommen Sie sonst nur Pepsi.»

«Ich habe eigentlich nie einen Unterschied feststellen können.»

«Der Geschmack von Coca Cola ist geschmeidiger, er entwickelt sich stufenweise und klingt länger nach. Wenn man größere Mengen trinken will, ist das angenehmer. Pepsi ist dafür im ersten Moment intensiver und enthält außerdem etwas weniger Salz.»

«Und warum gibt es in Urfustan nur Pepsi?»

«Das hat historische Gründe. Man hielt hier früher Coca Cola für eine Droge, die GI’s verabreicht wurde, damit sie noch gewissenloser Vietnamesen abschlachten konnten. Das ist absurd, weil Pepsi mehr Koffein enthält.»

«Darf ich fragen, mit wem ich spreche und wo ich mich befinde?»

«Natürlich, entschuldigen Sie bitte, Kasey Ksinczyk, Kulturattaché der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in Mangana. Ich hoffe, Sie haben gut hergefunden.»

«Ich war eigentlich unterwegs in mein Hotel.»

«Es freut mich, daß Sie sich die Zeit genommen haben, trotzdem bei uns vorbeizuschauen.»

«Warum haben Sie mich entführt?»

«Wir haben Sie nicht entführt, Sie können jederzeit gehen. Ich würde mich allerdings freuen, wenn ich Sie vorher zu einem Gedankenaustausch einladen könnte.»

«Ich wäre sicher auch freiwillig gekommen.»

«Sie sind doch freiwillig gekommen. Niemand hat Sie gezwungen, die Eingangstür zu benutzen.»

«Die Frage ist, ob ich auch wieder gehen kann.»

«Wie gesagt, jederzeit, aber vielleicht trinken Sie erst ein- mal eine Coca Cola, und wir unterhalten uns über Ihre Pläne.»

Eine Mitarbeiterin erschien, sie lächelte, zwinkerte Otto verschwörerisch zu und machte eine Kopfbewegung in Richtung Tür. Sie wollte wohl zu Verstehen geben, daß sie es gewesen war, die eben über die Lautsprecheranlage mit Otto gesprochen hatte. Auf einem Tablett servierte sie eine Flasche Coca Cola mit zwei Gläsern und Strohhalmen. Sie goß etwas Cola aus der Flasche in ein Glas und reichte es Otto, dann wartete sie, daß er sich für einen der beiden Strohhalme entschied, den roten oder den rosafarbenen. Otto zögerte, weil aus seiner Entscheidung sicher Rückschlüsse gezogen würden, die zu neuen Verwicklungen führen konnten. Er nahm schließlich den roten Strohhalm, der rosafarbene blieb für den Kulturattaché, der ebenfalls ein Glas Cola bekam. Sie tranken beide einen Schluck. Da Otto dringend auf die Toilette mußte, nippte er nur an seiner Cola. Durch die Gasbläschen, die sich am Strohhalm absetzten, wurde der Halm emporgehoben, und da das Glas nicht lang genug war, wäre er rausgefallen, deshalb hielt Otto den Strohhalm mit den Fingern fest.

Kasey Ksinczyk hielt sein Glas wie einen Kognakschwenker und sog kennerhaft den Duft ein.


«Merken Sie? Rosinen und ein Hauch Vanille.»

«Sie wollten über meine Pläne sprechen. Welche Pläne?»

«Lassen Sie es mich ohne Umschweife aussprechen, Sie haben das Ohr des Architekten des Vaterlands. Das ist erstaunlich für die kurze Zeit, die Sie erst hier sind.»


Ksinczyk blätterte im Aktenordner und hob die Augenbrauen.


«So erstaunlich, daß wir es uns nicht erklären können. Offenbar leisten Ihre Dienste gute Arbeit, was ungewöhnlich ist bei den Europäern. Vielleicht profitieren sie noch von alten Kontakten aus der Zeit vor dem Zusammenbruch. Auf jeden Fall war ich immer dafür, die Kräfte der freien Welt zu bündeln. Es wäre in unser aller Interesse, wenn Sie mit uns kooperieren würden.»

«Ich denke, Sie überschätzen meine Rolle. Ich bin Architekt und soll in Mangana einen ‹Palast der Demokratie› bauen.»

«Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber warum sollte man einem Berufsanfänger so ein wichtiges Projekt übertragen?»

«Es ist alles ein großes Mißverständnis, aber ich traue mir die Aufgabe durchaus zu. Schlimmer als die meisten anderen Gebäude hier kann es eigentlich nicht werden. Die sehen aus, als sei beim 3D-Rendering der Computer abgestürzt.»

«Offenbar sieht Zültan Tantal mehr in Ihnen, als für andere auf den ersten Blick zu erkennen ist. Wir wüßten gerne, was.»

«Wir haben über Architektur diskutiert, das ist auch alles, was mich interessiert. Wobei ich vor allem über Spielplätze arbeite. Auf diesem Gebiet war Amerika übrigens einmal führend. Aber das Risiko, bei Unfällen verklagt zu werden, hat Designer und Behörden ängstlich werden lassen.»

«Möchten Sie noch eine Coca Cola?»

«Vielleicht lieber ein Glas Wasser? Ich vertrage nicht so viel Koffein.» Otto wollte eigentlich gar nichts mehr trinken, sondern auf die Toilette gehen, aber er traute sich nicht, höflich abzulehnen.



Die Publikation des Auszugs erfolgt mit der freundlichen Genehmigung des Verlags C.H. Becks.

Autor Jochen Schmidt
(c) Tim Jockel/Voland&Quist

Jochen Schmidt

Geboren 1970 in Berlin. Studium der Romanistik. Lebt in Berlin. Zahlreiche Buchveröffentlichungen bei C.H.Beck, Piper, Voland&Quist u. a.

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