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ANIMITA von Felipe Sáez Riquelme


Aus dem Spanischen von Luisa Dönnerberg

 

 

1

 

 

In einer Ecke

zwischen Plastik, Schrott und Stoffresten

entpuppt sich plötzlich – im Gerümpel

ein Gesicht:

 

                     Überall Andeutung.

 

Die zwischen dem Wort Liebe

und dem Wort Laune irrenden Lettern,

 

das Kokettieren der blinden, offenen

Augen

der Pfauenschwänze:

 

                      Überall Andeutung.

 

Die Linien der Hände,

die uns einzigartig machen vor dem Staat,

aber gleich im Anblick der Natur,

 

die Bahnen des Sonnensystems,

die dem Verhalten

subatomarer Teilchen ähneln,

 

ein Brokkolikopf, der sich

in seinen Röschen wiederholt:

 

                      Überall Andeutung.

 

Der tote Stoff eines alten Wandteppichs,

der beinahe noch von Schöpfung spricht,

 

Regen auf einer Markise, ohne Umschweife

wird er zu Rhythmus,

 

ein staubtrockener Haufen Schuhe

vor der geschlossenen Tür eines Tempels,

 

du befragst den Sand und er antwortet, du fragst

noch einmal, er antwortet wieder,

du schweigst:

Offenbarung zeigt sich im Sand.

 

 

                      Überall Andeutung.

 

 

Nirgendwo die Erwartung, gelesen zu werden.

 

 

 

 2

 

 

Mein Gott ist kein alter Mann mit weißem Bart und langem Haar

und Engeln, die via Schneeballsystem

göttliches Kapital

in die Erde investieren wollen,

 

mein Gott ist die Laus auf dem Kopf des alten Mannes,

klein, schwarz, randvoll

mit Wut und Wonne,

sie pfeift,

 

nein, nein,

mein Gott ist nicht, was dein Hirn

dir sagt, das Gott ist,

 

mein Gott bist du

mit losgelassenem Körper, wenn du kopflos

tanzt, dich im Park drehst

am längsten Tag des Jahres,

 

nein, nein,

mein Gott bist nicht du

mein Gott bist du und bin ich

was ist wichtig

in diesem Gedicht streicht Gott

die Unterschiede,

 

wir gehen nackt

inmitten von Versen

im Rhythmus

rennen

auf offenem Feld

in Flammen

kopflos

kaputt

zerrissen

bis aufs Unterste

der Kleidung

der Katastrophe

bis aufs Unterste

das Tiefste

seiner selbst

offen

das Tiefste

seiner selbst

offen

sich selbst

vergessen

sich selbst

überdrüssig

sich selbst

ausleeren

Leerzeile

sich selbst

seiner selbst

sich selbst

Kraft sein

Form sein

formlos sein

tatlos

Kraft sein

formlos

Form sein

ohne sich

selbst

 

 

3

 

 

Sollte ich eine Tür sein, öffne mich

sollte ich ein Felsblock sein, rolle mich

sollte ich eine Muschel sein, halte mich

an dein Ohr

                     und singe mich

sollte ich Silbe sein

                               und drehe mich

sollte ich Schicksal sein

                    und nimm mich

sollte ich ein Drachen des andern Himmels sein

 

                                und öffne mich

sollte ich das Buch sein, das dich schreibt.

 

Sollte ich ein Mund sein, schließe mich

sollte ich ein Flügelpaar sein, verbrenne mich

sollte ich ein Weidenzweig sein, hör mir zu

wie ich den Fluss streife

                                und vergiss mich

sollte ich ein Lied sein

                                und übertrumpf mich

sollte ich keine gute Karte sein

                                und betrachte mich

sollte ich die Sonne verfinstern

 

                                und schließe mich

sollte ich das Buch sein, das dich liest.

 

 

 

4

 

 

                                 ANIMITA

an die Zeit genagelt stehst du da

vor deinen Kalkwänden die Geste

das Gesicht befreien das Gesicht

die Stirn von Erde Lärm Mist

ein Jahrhundert Stille eine Minute

unter der Erde ANIMITA hier

kam ein Zug vorbei

                                   kam ein Zug vorbei gezogen

vom Fortschritt wenn wir es sehen könnten

wenn wir ANIMITA tiefer sähen

wenn wir nicht stolpernd gingen Camera-obscura-

Ping-Pong endloses Hin- und Herspringen

zwischen hitzigem Hier und Dort

in der Wunde zorniges Salz trockene

Augenlider durch Grauen kaputt wie absurd

wie blind wir Absurde der Sturz

noch stürzt er um putscht ANIMITA wenn wir

bemerken würden hier und jetzt wenn

wir hier und jetzt leben würden um

uns Liebe zu schenken

                                      und wie spät so spät

schon tot bemerken wir Blumen geworden

Kerzen ein paar Steine so spät

werden zu Amuletten Briefen Stoff

flattern an einem Kreuz Gaben

so spät und so heftig spüren

wir waren Gott begraben unter Schutt

 

por la razón por la fuerza ohne Gelassenheit

der historischen Schande ohne Stimme begraben

unterm unsagbaren Gewicht durch die Nacht

unser Himmel so voll von Geistern

durch unsere ruhelosen Namen ANIMITA

 

die Regen sind der zum Rhythmus wird

die die Kraft sind die diese Welt

an jene bindet im Regenbogen im Wandteppich

der Stoff der die Welt in jene webt

der Stoff der die Welt webt und sie verschieden macht

ANIMITA

 


5

 

 

Wie leuchten die im Ozean treiben

gleich

unseren Namen

ruhelos 

 

 

 

 


Foto: Andrea Vollmer
Foto: Andrea Vollmer

Felipe Sáez Riquelme (1986) ist ein Dichter, Performancekünstler und Schriftsteller. Er hat an verschiedenen Literatur- und Performance-Festivals in Argentinien und Chile sowie in Deutschland und anderen europäischen Ländern teilgenommen. Im Jahr 2021 veröffentlichte er Una vez, ein Buch, das mit dem Mund geschrieben wurde, um mit den Ohren gelesen zu werden. Im selben Jahr präsentierte er die Klanginstallation Destrucción de la Constitución de la República de Chile. Zusammen mit dem Komponisten Victor Piano komponierte er 2023 eine Gedichtreihe mit dem Titel ANIMITA, im Rahmen des Projekts „Vocations“, kuratiert vom Haus für Poesie in Berlin. Im Jahr 2024 veröffentlichte der argentinische Verlag Pan Casa Editorial sein Buch Un año en trece lunas, das er am 30.05.2025 in Andenbuch vorstellen wird.

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