ANIMITA von Felipe Sáez Riquelme
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- 14. Sept.
- 4 Min. Lesezeit
Aus dem Spanischen von Luisa Dönnerberg
1
In einer Ecke
zwischen Plastik, Schrott und Stoffresten
entpuppt sich plötzlich – im Gerümpel
ein Gesicht:
Überall Andeutung.
Die zwischen dem Wort Liebe
und dem Wort Laune irrenden Lettern,
das Kokettieren der blinden, offenen
Augen
der Pfauenschwänze:
Überall Andeutung.
Die Linien der Hände,
die uns einzigartig machen vor dem Staat,
aber gleich im Anblick der Natur,
die Bahnen des Sonnensystems,
die dem Verhalten
subatomarer Teilchen ähneln,
ein Brokkolikopf, der sich
in seinen Röschen wiederholt:
Überall Andeutung.
Der tote Stoff eines alten Wandteppichs,
der beinahe noch von Schöpfung spricht,
Regen auf einer Markise, ohne Umschweife
wird er zu Rhythmus,
ein staubtrockener Haufen Schuhe
vor der geschlossenen Tür eines Tempels,
du befragst den Sand und er antwortet, du fragst
noch einmal, er antwortet wieder,
du schweigst:
Offenbarung zeigt sich im Sand.
Überall Andeutung.
Nirgendwo die Erwartung, gelesen zu werden.
2
Mein Gott ist kein alter Mann mit weißem Bart und langem Haar
und Engeln, die via Schneeballsystem
göttliches Kapital
in die Erde investieren wollen,
mein Gott ist die Laus auf dem Kopf des alten Mannes,
klein, schwarz, randvoll
mit Wut und Wonne,
sie pfeift,
nein, nein,
mein Gott ist nicht, was dein Hirn
dir sagt, das Gott ist,
mein Gott bist du
mit losgelassenem Körper, wenn du kopflos
tanzt, dich im Park drehst
am längsten Tag des Jahres,
nein, nein,
mein Gott bist nicht du
mein Gott bist du und bin ich
was ist wichtig
in diesem Gedicht streicht Gott
die Unterschiede,
wir gehen nackt
inmitten von Versen
im Rhythmus
rennen
auf offenem Feld
in Flammen
kopflos
kaputt
zerrissen
bis aufs Unterste
der Kleidung
der Katastrophe
bis aufs Unterste
das Tiefste
seiner selbst
offen
das Tiefste
seiner selbst
offen
sich selbst
vergessen
sich selbst
überdrüssig
sich selbst
ausleeren
Leerzeile
sich selbst
seiner selbst
sich selbst
Kraft sein
Form sein
formlos sein
tatlos
Kraft sein
formlos
Form sein
ohne sich
selbst
3
Sollte ich eine Tür sein, öffne mich
sollte ich ein Felsblock sein, rolle mich
sollte ich eine Muschel sein, halte mich
an dein Ohr
und singe mich
sollte ich Silbe sein
und drehe mich
sollte ich Schicksal sein
und nimm mich
sollte ich ein Drachen des andern Himmels sein
und öffne mich
sollte ich das Buch sein, das dich schreibt.
Sollte ich ein Mund sein, schließe mich
sollte ich ein Flügelpaar sein, verbrenne mich
sollte ich ein Weidenzweig sein, hör mir zu
wie ich den Fluss streife
und vergiss mich
sollte ich ein Lied sein
und übertrumpf mich
sollte ich keine gute Karte sein
und betrachte mich
sollte ich die Sonne verfinstern
und schließe mich
sollte ich das Buch sein, das dich liest.
4
ANIMITA
an die Zeit genagelt stehst du da
vor deinen Kalkwänden die Geste
das Gesicht befreien das Gesicht
die Stirn von Erde Lärm Mist
ein Jahrhundert Stille eine Minute
unter der Erde ANIMITA hier
kam ein Zug vorbei
kam ein Zug vorbei gezogen
vom Fortschritt wenn wir es sehen könnten
wenn wir ANIMITA tiefer sähen
wenn wir nicht stolpernd gingen Camera-obscura-
Ping-Pong endloses Hin- und Herspringen
zwischen hitzigem Hier und Dort
in der Wunde zorniges Salz trockene
Augenlider durch Grauen kaputt wie absurd
wie blind wir Absurde der Sturz
noch stürzt er um putscht ANIMITA wenn wir
bemerken würden hier und jetzt wenn
wir hier und jetzt leben würden um
uns Liebe zu schenken
und wie spät so spät
schon tot bemerken wir Blumen geworden
Kerzen ein paar Steine so spät
werden zu Amuletten Briefen Stoff
flattern an einem Kreuz Gaben
so spät und so heftig spüren
wir waren Gott begraben unter Schutt
por la razón por la fuerza ohne Gelassenheit
der historischen Schande ohne Stimme begraben
unterm unsagbaren Gewicht durch die Nacht
unser Himmel so voll von Geistern
durch unsere ruhelosen Namen ANIMITA
die Regen sind der zum Rhythmus wird
die die Kraft sind die diese Welt
an jene bindet im Regenbogen im Wandteppich
der Stoff der die Welt in jene webt
der Stoff der die Welt webt und sie verschieden macht
ANIMITA
5
Wie leuchten die im Ozean treiben
gleich
unseren Namen
ruhelos

Felipe Sáez Riquelme (1986) ist ein Dichter, Performancekünstler und Schriftsteller. Er hat an verschiedenen Literatur- und Performance-Festivals in Argentinien und Chile sowie in Deutschland und anderen europäischen Ländern teilgenommen. Im Jahr 2021 veröffentlichte er Una vez, ein Buch, das mit dem Mund geschrieben wurde, um mit den Ohren gelesen zu werden. Im selben Jahr präsentierte er die Klanginstallation Destrucción de la Constitución de la República de Chile. Zusammen mit dem Komponisten Victor Piano komponierte er 2023 eine Gedichtreihe mit dem Titel ANIMITA, im Rahmen des Projekts „Vocations“, kuratiert vom Haus für Poesie in Berlin. Im Jahr 2024 veröffentlichte der argentinische Verlag Pan Casa Editorial sein Buch Un año en trece lunas, das er am 30.05.2025 in Andenbuch vorstellen wird.




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