Sonia Solarte Orejuela, Gedichte
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Sonia Solarte hat diesen Text beim Salón Berlinés am 16.6.2025 gemeinsam mit Kinga Toth vorgetragen.
Moderation: Ingeborg Robles und José Luis Pizzi
Montags 19 Uhr, Crellestr. 26, 10827 Berlin
Übersetzung: Juana und Tobias Burghardt
DAS FIEBER
In der Wüste meiner Monde vergrabe ich die Knospen
und den ersten Atemzug einer augenlosen Leidenschaft
verbrenne die Knochen meiner Träume
streue ihren Staub in das alltägliche Meer
Ich vertreibe von ihren Altären
die Hetzstimmen meines Stammes
den Schrei den ich nie ausgestoßen habe
und erhebe mich aus der Asche
mit einem anderen Glanz im Blick
Ertrunken in den Tiefen meiner Flüsse
eingetaucht im geschäftigen Fließen seiner Ströme
unterhalte mich mit der Sprecherin meiner Fluchten
die mich zu jeglicher Stunde weckt
sie bittet um Zuhörerschaft für ihre Launen
Verständnis für ihre Übergriffe
Tüchlein für ihre Mutlosigkeit
Umarmungen um ihren Liebeshunger zu stillen
Ich verführe tastend die Unvorsichtigen der Lust
erkenne ihre Wüsten
gebe mich ihnen nackt hin
in Betten mit erloschenen Lichtern
pferche meine Fragen in ihre Brüste
während ich das Fieber meines Lebenswillens
in ihr Blut spritze
MEINE TAGE OHNE DICH
Es gibt Tage an denen die Sinne ermattet erliegen
erfüllt mit leeren Enttäuschungen
die zwischen Spiegeln streunen die weder Eifer kristallisieren
noch meine Schwellen entblößen
Es gibt Tage ohne Freude oder Spannung
an denen ich schlafwandelnd
unter Kreaturen ziehe die mir
in ihrer Art zu gehen ähneln
wie aus sich selbst ausgestoßen
zum Tode verurteilt
An Tagen die ihre Stunden
unter unruhigen Halbdunkelheiten abknicken
beiße ich in die Früchte verzerrter Flüche
wünsche mir verpasste Verabredungen zeitig zu erreichen
Es gibt Tage an denen ich weder schlafe noch aufwache
weder begeistern mich die Lebensströme
noch bemühe ich mich die Bilder meiner Niederlagen zu verwischen
oder vergebliche Trugbilder zu begründen
Genau so sind meine Tage ohne dich!
BEFREIUNG
Wenn der letzte Tag meiner Sprünge im Rad anbricht
alle Fackeln in den Kellern
meines Bewusstseins angezündet sind
keine Last im Skelett meiner Erinnerungen
zu beseitigen ist…
wenn keine Angst noch Scham jedwede Bedeutung haben
die süße Substanz der Liebe
die Spiegel einer bereits überwundenen Zeit verwandelt
kein trüber Schatten in meinen Augen bleibt
keine unterdrückte Klage in meiner Kehle...
wenn alle Strecken zurückgelegt sind
es kein Eis mehr gibt das die Umarmungen frieren lässt
keine Gewalt mehr die über die blinde Materie der Formen herrscht
oder Unwissenheit die auf das was nie auf dem Spiel stand
eher setzt als auf das Schachbrett der Illusionen...
ich werde den Code meines unendlichen Wesens entschlüsseln
der Geist wird die Aufgabe erfüllen
die ihm in mir gestellt wurde

Sonia Solarte Orejuela ist eine seit 1988 in Berlin lebende Kolumbianerin, Psychologin, Psychotherapeutin, Dichterin, Sängerin (Orquesta Burundanga seit 1991; Trio SolArte seit 2009) und Koordinatorin des Workshops für kreatives und therapeutisches Schreiben „Cantos de Flores” seit 1992. Sie ist Mitglied des Deutschen Schriftstellerverbandes, des Internationalen PEN-Clubs Österreich und der Asociación de Escritores de la Costa in Kolumbien. Sie hat weltweit an vielen Literaturevents teilgenommen und in zahlreichen Anthologien, Magazinen, Literaturzeitschriften und Zeitungen veröffentlicht.
Sie hat folgende Werke veröffentlicht: „Para que el olvido no te toque” (Ediciones Ariadna, Cali 1990); „Mundo Papel - Papierwelt“ (Ediciones Ariadna, Cali 1996; Lehner Verlag, Wien 2006); „Conmemoración de la Ausencia” (Ediciones Ariadna, Cali 1999); „Vuelta al Edén – Rückkehr ins Paradies” (Plattform Johannes Martinek, 2010) und „La orfandad de los espejos” (Ediciones Apidama, Bogotá 2014).
Sie hat folgende Literaturpreise erhalten: Erwähnung beim IV. Concurso Internacional de Poesía Antonio Machado (Collioure, Frankreich 1999); Premio Internacional de Poesía Ars Maris (Reghin, Rumänien 2008); 2. Premio Concurso de Poesía Ediciones Embalaje (Roldanillo, Kolumbien 2012).




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