Kinga Tóth, Gedichte
- alba.lateinamerika lesen

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Kinga Tóth hat diesen Text beim Salón Berlinés am 16.6.2025 gemeinsam mit Sonia Solarte vorgetragen.
Die Übersetzung wurde freundlicherweise ermöglicht von der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie ist im Rahmen einer Kooperation von Salón Berlinés und alba.lateinamerika lesen e.V. entstanden.
Moderation: Ingeborg Robles und José Luis Pizzi
Montags 19 Uhr, Crellestr. 26, 10827 Berlin
DURCH NADELN
durch nadeln atmen wir den berg
lassen den wind durch die luftröhre hinab
das glas zerspringt im sturm auf dem felsen
auf dem heißesten auf dem trockensten
wir graben tief in den getöpferten seegrund
krähennest wir bohren uns in stroh
und lassen den wasserfall hinabstürzen und
auf den felsen platzen wo fische schwimmen
in unserer speiseröhre und
im magen sammelt sich das wasser
der wind gelangt in unsere ausgetrockneten
körper wir pusten blasen daraus zurück
wir fischen die flusskrebse nicht heraus
wir haken dem fisch nicht ins maul
die bären lassen keine kugeln mehr rein
geschosse prallen am hirschgeweih ab
keine vögel mehr von pfeilen durchbohrt
keine kehlen von messern durchschnitten
wir töten nicht wir essen nicht wir seufzen
wir baden im wasser silentio nicht sprechen
EDEN
alles so weit weg mir wird schwindelig
die ganze welt nebelig hier drinnen
ich mache durchzug vergebens
sehe am fenster wie wind äste biegt
glaube nicht dass es wahr ist (was aus dem fenster zu sehen ist)
wenn meine kerze ausgeht gewinne ich einen glasbecher
sie möchten wissen was ich fühle wenn ich in kerzenflammen starre
wenn ich fahrrad fahren muss wenn plötzlich warmes wetter kommt
wenn sie ins zimmer gas reinführen ich lasse es durch die rohre blasen
durch acht wie spinnweben dampf bedeckt meinen käfig
ich pfeife wie die männer unter dem bett auf dem dach
die sich über neue wirkstoffe strahlungsgrenzwerte streiten
höre dabei kinder pfeifen wie sie mit holzflöten marschieren
unter meinem endlosfenster ist leben laut dieser charaktere
liebe haben die ärzte die schriftsteller gefunden die mich
am ende in einer vitrine ausstellen wollen wie weißkalte
installation belebe ich die glasräumlichkeiten
die elektroden umarmen mich fühle mich verliebt
in einem käfig
schauen sie meine brüste an für diese untersuchung
machen sie mich wieder nackt
im skaphander spazieren mit meiner schwester
mein arzt kauft einen hasen
für seine lang vermisste tochter ich bin die die sie zurücklassen
die ein ärzteteam beobachtet und untersucht das nicht bemerkt
inzwischen bin ich gewachsen seit 20 jahren immer die gleiche
belohnung nach der untersuchung
obwohl ich sie vermisse habe ich todesangst vor anderenmenschen
mache mich krank um sie nicht treffen zu müssen
aber jetzt schließe ich auch die ärzte aus will nicht dass sie mich anfassen
weiß nicht wie das käfigjenseits geht
bin ungeschickt wie mit dem rad bin ich fähig zu radeln
regeln zu lernen hier zu bleiben bäume zu gucken
neues zu tun was mir genauso angst macht
ich weiß nicht ob ich je aus diesem glaszimmer heraus kann
zeichne immer nur das eine sogar in dieser performance
überziehe den raum mit plastik und spiele mit instrumenten
weiß meine freundin ist da aber kann sie nur ohne worte erreichen
gibt es noch hoffnung andere realitäten zu schaffen
in meinem weltraumanzug sehe ich aus wie das spongebob-eichhörnchen
im grunde bin ich wirklich so naiv und unvorbereitet
auf den alltag glückliches naives kindchen
das ist der preis für meine verwunderbarkeit wenige von euch
lasse ich nah heran aber sehe wunderbare experimentelle
untersuchungslabore wo mein zimmer eingebaut wird
damit ich mich nicht fremd fühle
deshalb mag ich galerien deshalb hänge ich keine bilder
an die wand wer wird mich so lieben sagt das kleine mädchen in mir
und ich pfeifepfeife
ihr seht zu wie ich ersticke
es wird enden
ich bekomme andere luft will nicht sterben
wer mich liebte dessen mutter ähnelte ich
hatte angst auf die straße zu gehen könnte im garten glücklich sein
alles lebendige auf mir krabbeln lassen
mit gegenständen spielen
auf dem labortisch untersuche ich ihren klang
und schaffe artefakte tot und steril
blase in sie hinein und fasse mich an den spiegel
küsse ich kaltes glas kaltes zuhause
könnte etwas anderes tragen aber auch für zuhause kaufe ich
uniformen und tausche meine frauenkleider aus
im overall umarme ich mich um aus mir rauszugehen
abends ahme ich vögel im schattenspiel nach
meine bewegungen sind anmutig wie ich auf einer stelle schwebe
warte darauf mich zu befreien lass mich einmal prinz sein
einmal den therapeuten nach familie und gemütszustand fragen
ob er kinder möchte ob man ein kind überhaupt
in diesen körper stecken kann auch das macht mir angst
wie man im raum zusammen glücklich sein kann
ich möchte dass meine akne ausbricht
diese kleinen hautvulkane sollen den eiter ausspeien der gefangen ist
und der rest meiner organe soll dasselbe tun
ich möchte in bereitschaft am zaun stehen und die kinder beobachten
und dann im schnee im skaphander wie sie schlitten fahren
die plastikschlitten haben auch uns erreicht
und dann besorge ich mir eine schildkröte
und dann werden die menschen um mich ausgetauscht
es ist alles wie eine amputation sie glauben es nicht seit jahren tut es mir weh
habe gelernt mich zu benehmen meine unterhaltungen laufen jetzt
mit therapeuten die nenne ich meine freunde ich suche nach dem lebensziel
laut den lehrmeistern sollte es eins geben besonders
da ich ständig am leben bleibe sollte ich endlich verantwortung übernehmen
da ich wie es aussieht am ende doch rauskomme
nicht wie der rest von uns der es vielleicht mehr verdient hätte
trotzdem trotzdem komme ich hier raus
werde ich andersfarbige kleider haben oder bleibe ich im aquarium
wie meine sterilisierte vereinsamte schildkröte
krabbele ich
mit meinen gestärkten vorderbeinen nach oben am wasserspiegel ertrinke ich
soll ich weiter mit dem film assoziieren mich erinnern wie ungeschickt ich war
im kindergarten hatte ich todesangst die sprossenwand bricht unter mir
so fett bin ich dass sie genau bei mir nachgibt
falle hinab weil meine hände mich nicht halten
da war ich 7 und vertraute niemandem
schon damals beäugte ich die anderen skeptisch
mein aquariumzimmer war noch weit weg
es dauerte nochmal so lange bis sie mich einsperrten bis ich irgendwo hinzog
vorerst sehe ich selbst auf der wiese noch glaswände
und es ist beängstigend dass es dann einfach weggeht
es krepiert auch die kunstschildkröte
ich entwickle ein neues hobby
trotzundtrotz
menschenstimmenaufnahmen höre
ich mir an an fülle mein therapieheft aus
lasse meine erfahrungen los und suche die erinnerungen
an naive verwunderung
darauf aufbauend entwickle ich neue reaktionen versuche
sehr verständnisvoll zu sein
die beleidigung zu vergessen auf das ende
der egozentrischen psychosen zu warten die furcht dass am ende alles gut wird
die liebe rettet alles jemand besteht den test
alles über Dinosaurier zu lernen ist genauso gut
als indikator wie ich ihre skelette fotografiere in Triest
spaziere durch die fossiliensammlung in der wunderkammer
neben taxidermischen kindern kalten reptilienschwänzen die jetzt auch blau werden
wenn das wetter sich ändert nehme ich an simulationsübung teil
trainiere für den ausbruch der wahrscheinlich
mein tod ist meine psyche kann
mit der freiheit nicht umgehen doch mit starkem willen
kann ich mich überzeugen in die flasche zu greifen
und dann wenn ich ausgeschlafen habe
bedecke ich mich mit dem schutzanzug und
trete in einen anderen raum
trete durch mich hindurch
jetzt können wir mit meinem weltraumanzug spielen
ich probiere deine luft
und mich wo ich nicht
bleiben kann
nur
biszumtod biszumtod
STATUENPARK
"freies leben, freier vogel, frei ist, wer frei kommt und geht"
ein frosch eine grille wuchsen auf dir aus ihren füßen
auf tintenschnüre klammert sich ein deckenkäfer,
mit tintenbeinen bedeckst du dich auf gummiräder
schnürst deine ferntragenden wanderschuhe deine hängematte
schnürst du zwischen die bäume und in der kälte schläfst du
in kälte kommst du nach hause wo die berge kleiner sind
aber solang es noch geht solang plattgemachte wälder
nicht eine sprache vor der anderen blockieren
solang die berge nicht weggetragen und die höhlengänge
nicht mit notverordnungen beendet werden
der berg zwischen der einen und der anderen meiner sprachen
solange erreiche ich dich wie sie auf den wiesen keine
verbotslinien aufziehen dieser busch ist außerhalb der ecke
dieser kaninchenbau ist die fremdheit und gefährlich wie der satz
und reformativ weil er andere wortkategorien enthält
wie auch dein zeltplatz
das gras darf nur bis zur hälfte gemäht werden
weil das wort zentimeter zum verbotswort wird
wie die eine hälfte des berges die andere ist aber zuhause
was wird dann mit den zwei steinarten passieren
mit den zweiseitigen bergen wird der fluss seine farbe ändern
wenn ich dich besuche wird sich das echo verändern
wenn ich jetzt die grenze überschreien will oder rad fahre jetzt jetzt
schnell dort drüben auf dem weg oder ist jetzt
der punkt an dem man umkehren muss in einem anderen
wald weit weit weg landen hubschrauber
mit den neuen anwärtern die mit jagdwaffen
die wildtiere mit fremdmenschen verwechseln
ein einrad oder ein zweirad kann aus der ferne
sogar ein langhalsiges tier kann ein menschenwort
in anderssprache sein aus der ferne sogar wie beutetierstimmen klingen
es gibt noch andersorte wo die buntbemantelten
demonstranten sich auf den straßen verändern und fell haben
feinfellige gazellen werden zu riesigen wohlbeleibten büffeln
der tierbestand steigert sich und dann müssen
diegutenjäger dergutepolizist schießen und brennen
und über pelzteppiche werden die anderen stolpern die in statuen
verwandelt werden anstatt auf vier pfoten wegzulaufen
sondern sie versteifen sich und durch sie geht die waffe nicht mehr durch
und sie sind so groß dass kein bagger sie anheben kann
und jeder der nicht auf der jagd nach fellen war
muss sich jetzt seitwärts bewegen weil es keinen weg mehr durch sie gibt
und diese felsen sind wirklich kalt und es liegt druck
auf deiner brust und diesen druck schafft weder meditation
noch lotussitz weg weil er wie die waffenkugel ist
sie schlägt durch das skelett und dringt in das speichelsystem ein
und es geht den ganzen weg hinunter zum innersten organ
und dort nistet sich die entfremdung ein
und sie arbeitet im inneren bis
du trotz allem gezähmt bist
SPRINGSEIL
auch in den Iran -
haare schneiden sich die mit tuch mit stoff bedeckten frauen
mir schneide ich auch die schneckenhaare lass sie
auf die gräber rollen auf die kränze mein rotes mein braunes
mein aschfahles sulamithhaar flechten
im sonnenlicht nicht verblassen
in eine riesenpuppe wickeln sie mich ein woraus ich spreche
zur riesenfrau bauen sie mich meine puppe wächst mir
über den kopf von drinnen bewege ich meine glieder und segne euch
und haarzöpfe werfe ich zwischen euch sie schlagen wurzeln
werden zu getreide zu brennholz wagt es nicht mich zu fällen
zu ernten gießt und lasst uns in die sonne wachsen
lass den regen mich in meinem beet verwandeln
die bosheit von meinen seitentrieben wegstoßen
lass den wald woanders wild wachsen
und die haarsträhnen das land wie flugasche bedecken
wie kohlenstaub auf der industriestädtehaut
die häuser werden behaart die gebäude
werden mit haarteppich bedeckt mit frauenhaar
ich rasiere alles an mir
nackt komme ich zu euch was wollt ihr noch nehmen
wohin wollt ihr noch mit den händen um mich zu verstehen
was noch aus dieser bezaunten frauenpuppe ausweiden
genauso nehmt ihr eure mütter aus ihr draußengebliebenen parasiten
fresst mit hunger und unersättlichkeit
tanze ich spinne flechte mich meine stimme in den zaun ein
mein alabastergesicht meinen schneewittchenmund
bewachsen bäume wo ich mich einpfählte um den weg nach draußen freizukauen
an feiertagen wenn sie mich herumtragen und vorführen
eine höhle in meiner vagina finden ist das volk unruhig
eine nation stillen im käfig ein wiegenlied singen
schneidet das seil durch kleine mädchen schneidet das seil durch

Kinga Tóth
Schriftstellerin, Bild- und Klangpoetin, Performerin, Lehrerin, Übersetzerin. Sie schreibt auf Ungarisch, Deutsch und Englisch und präsentiert ihre Arbeiten in Performances, Ausstellungen, internationalen Installationen und Festivals. Sie ist außerdem Philologin und Lehrerin, hält Vorträge und Workshops im Ausland und arbeitet als Journalistin und Lektorin für Kunstmagazine sowie als Organisatorin von Kulturprogrammen. Zu Tóths internationalen Veröffentlichungen zählen Gedichtbände, Kataloge für visuelle Kunst, Romane und Musikaufnahmen.




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