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Der Putsch und ich

Aktualisiert: 30. Nov. 2023

Patricia Cerda

Aus dem chilenischen Spanisch von Timo Berger



Plutarch vertrat die Ansicht, die Geschichte sei die große Dramatikerin, die uns in Konflikte und Krisen wirft und uns zwingt, uns mit unseren zerstörerischen und produktiven Kräften auseinanderzusetzen. Sie zeigt uns, wer wir wirklich sind. Der Putsch in Chile am 11. September 1973 war einer dieser Momente. Ich war damals 12. Ich erinnere mich, dass ich wie jeden Tag zur Schule ging und wieder nach Hause geschickt wurde. Auf den Straßen standen Soldaten. Meine Mutter hatte den Fernseher angestellt und mein Vater war zu Tode erschrocken, denn er war Mitglied des Partido Radical, einer der Parteien der Regierungskoalition. Die Bombardierung von La Moneda habe ich selbst nicht gesehen, weil sie nicht im Fernsehen gezeigt wurde. Ein paar reaktionäre Nachbarn ließen die Sektkorken knallen, eine von ihnen war Señora Braun, eine blonde Frau, die mit ihrer Schönheit und Intelligenz die ganze Nachbarschaft einschüchterte. Sie war Professorin für Mathematik an der Universidad Técnica del Estado. Kurz nach dem Putsch setzte sie ihren Mann vor die Tür und kümmerte sich alleine um ihre drei Kinder. Den Grund dafür erfuhren wir, als sie einen deutlich jüngeren Studenten bei sich einziehen ließ. Ein sportlicher, großer, dunkelhaariger Typ. Die Nachbarn zerrissen sich das Maul über die Freiheiten, die sich diese emanzipierte Reaktionäre leistete.

Der Putsch hatte für meinen Vater nur die Folge, dass er seine Arbeit verlor. Er fand jedoch eine andere in Los Ángeles, einer Kleinstadt im Valle Central, umringt von Latifundien. Dort waren die meisten Anhänger von Pinochet. Die Eltern meiner Klassenkameradinnen im Colegio Teresiano hatten während der Regierung der Unidad Popular eine einzige Sorge: dass man ihnen ihr Land wegnahm. Ich war bestimmt die einzige in der Klasse, deren Eltern gegen die Diktatur waren. Ich erinnere mich an meinen Geschichtslehrer, Santiago Slimming. Ein ziemlich kleiner Mann mit dem Herz auf der Zunge. Sein Unterricht war unterhaltsam. Doch er blieb nicht lange. Schon bald wurde er entlassen, weil einige Klassenkameradinnen sich beschwerten, er würde gegen Pinochet agitieren. Ich bekam von all dem nichts groß mit. Ich war ziemlich naiv. Für mich war nur klar, dass ich Pinochet für eine grässliche Person hielt. Er sprach in einem arroganten und ungebildeten Tonfall und seine Stimme war voller Hass. Ich wusste, dass ich wenig Gemeinsamkeiten mit meinen Klassenkameradinnen hatte. Viele von ihnen heirateten gleich nach dem Ende der Schulzeit.

Nachdem ich mich in dieser konservativen Kleinstadt ziemlich verloren gefühlt hatte, bin ich heute leichten Herzens aufgesprungen, als ich sie aus der Ferne auf sie zurückblickte. Mit welcher Freude habe ich zuerst sie und dann Chile verlassen. Als die Diktatur zu Ende ging, lebte ich in Berlin und war eine regelmäßige Besucherin der Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Instituts. Mit historischem und zugegebenermaßen leicht morbidem Interesse las ich mehrere Berichte von gefolterten Frauen wie das Buch El infierno (dt.„Die Hölle”) von Luz Arce. Während der Diktatur wurde der Chilene zum Wolf des Chilenen. Kürzlich fand ich heraus, dass der Geheimdienst CNI in den 1980er Jahren terroristische Anschläge erfand, um seinen Fortbestand zu rechtfertigen, seine klandestinen Gefängnisse aufrechtzuerhalten und weiter zu foltern. Ich weiß noch, wie viel Angst ich vor ihnen hatte. An den Protesten, die Anfang der 1980er Jahre aufkamen, habe ich mich kaum beteiligt. Ich empfand keine Berufung zur Märtyrerin. Ich dachte nicht einmal daran, dass man mich gefangen nehmen und misshandeln könnte. Einmal schloss ich mich einer Gruppe von Studenten an, die im Forum der Universität von Concepción Lieder von Silvio Rodríguez sangen. Ich kannte sie alle auswendig. In meiner Naivität dachte ich nicht, dass es sogar dort Spitzel geben könnte. Ein paar Tage später wurde ich in ein Büro gerufen, um ein Dokument zu unterschreiben, in dem ich zugab, dort gewesen zu sein. Ich weigerte mich, weil mir das Ganze komisch vorkam. Andere, die sich einschüchtern ließen und unterschrieben, wurden der Universität verwiesen, weil sie an einer politischen Versammlung teilgenommen hatten, was streng verboten war.

Fünfzig Jahre später hat sich meine damalige skeptische Haltung gefestigt. Ich verstehe die Erregung, die der Unidad Popular zu Grunde lag. Es ging darum, die aus der Kolonialzeit übernommenen sozialen Ungerechtigkeiten zu überwinden. In mehreren Romanen habe ich mich mit der Neuinterpretation dieses kolonialen Erbes befasst. In einem davon, Las infames, erzählt Mabel, eine Mestizin aus dem Dorf, wie das Leben im 18. Jahrhundert im Königreich Chile war, mit einer kleinen spanischen und kreolischen Elite gegen eine große Masse von Indigenen und Mestizen, die besitzlos und entrechtet waren. Von ihnen stammt die Matrix der chilenischen Kultur und Gesellschaft. Die ersten Chilenen waren eine Handvoll bettelarmer Kinder, mestizische Huachos, die kurz nach der Ankunft der spanischen Konquistadoren durch das Königreich Chile stromerten. Mestizenjungen und -mädchen mit unbekannten Vätern und indigenen Müttern. Von ihnen stammt die große Mehrheit von uns ab. Von ihnen stammen das Proletariat und die Mittelschicht ab. Allende war einer ihrer Wortführer. Aber er war Marxist, und der Erfolg der kubanischen Revolution lag nicht allzu weit zurück. Der aristokratische Flügel konnte auf die Unterstützung der Vereinigten Staaten zählen, um ihn zu stürzen.

War es eine Niederlag oder ein Scheitern, fragen sich die Sozialwissenschaftler. Das Volk war betäubt, es handelte nicht strategisch. Seine Vertreter wussten nicht, wie sie es führen sollten. Sie unterschätzten die Macht der alten Kolonialkaste, die Kräfte der Menschen zu zügeln. Sie begriffen nicht, dass die ehemaligen Herren immer noch die Macht hatten, sie zu unterdrücken, dass sie ihre Industrien lahmlegen und die Nahrungsmittelproduktion sabotieren konnten und dass sie über die Streitkräfte verfügten. Sie ahnten nicht, was auf sie zukommen würde. Wo heute Menschenrechtsverletzungen steht, sollte man Massaker lesen.

Ich wage zu behaupten, dass die beste Vorstellung von Chile von Gabriela Mistral stammt, als sie den christlichen Sozialismus als ideales Gesellschaftsmodell für ihr Land hochhielt. Aber in Zeiten des Kalten Krieges war für eine solche Utopie kein Platz. Der Sozialismus musste marxistisch und das Christentum reaktionär sein. Gabriela Mistral war sowohl eine große Dissidentin des 20. Jahrhunderts als auch eine große Visionärin, als sie sowohl den Faschismus als auch den Marxismus ablehnte. Wir wissen, dass die Sowjetunion Pablo Neruda schickte, um ihr im Namen des Friedens einen ihrer berühmten Preise zu überreichen, was sie ablehnte.

Der Kalte Krieg machte aus Chile, einem armen und unbedeutenden Land, ein Laboratorium, auf das die Augen der ganzen Welt gerichtet waren. Kuba lieferte Waffen, die Allende nicht an seine revolutionären Anhänger verteilte, weil er keinen Bürgerkrieg wie in Spanien wollte. Er war ein einsamer Führer. Während sich seine sozialistische Partei damit brüstete, mit Waffengewalt an die Macht kommen zu wollen, hielt er am Weg der Demokratie fest. Chile hatte Glück. Die Sowjetunion hat die chilenischen Revolutionäre nicht mit Waffen unterstützt, weil sie sich auf Vietnam konzentrierte. Es ist möglich, dass dieses sowjetische Desinteresse uns vor einem Bürgerkrieg bewahrt hat.

Der polnische Dichter Adam Zagajewski bemerkte in seinem Buch Die kleine Ewigkeit der Kunst. Tagebuch ohne Datum, dass das 20. Jahrhundert sicherlich das schlimmste Jahrhundert in unserem Sonnensystem war. Es waren nicht die Menschen, die sich gegenüberstanden, sondern die beiden großen sich bekämpfenden Ideologien. Das Schicksal des Menschen in diesem Jahrhundert glich dem ihrer Vorfahren in den Höhlen, umgeben von Ungeheuern, die stärker waren als sie.

Ich war noch nie eine aktivistische Schriftstellerin. Mein politischer Standpunkt wandelt sich ständig. Ich höre sie mir alle an, immer mit Goethes Prämisse als Hintergrundmelodie: Wenn eines am Menschen sicher ist, dann dass er sich irrt. Ich bemerke, dass sich Chile verändert hat, aber im Grunde ist es dasselbe geblieben. Die Menschen nennen sich heute Bürger und suchen weiterhin nach Wegen, eine gerechtere Gesellschaft aufzubauen, während die Elite sich weiterhin Elite nennt und ihr Egoismus derselbe ist wie immer.



Patricia Cerda wurde 1961 in Concepción, Chile, geboren und lebt derzeit in Deutschland. Sie hat an der Freien Universität Berlin in Geschichte promoviert. Im Jahr 2013 veröffentlichte sie Entre mundos (Cuarto propio), in dem sie ihre Erfahrungen mit dem Leben zwischen zwei Kulturen verarbeitet. In Mestiza (Ediciones B 2016), Rugendas (Ediciones B, 2016), Violeta & Nicanor (Planeta, 2018) und Las infames (Planeta, 2021) erforscht sie das kulturelle Gedächtnis Chiles und Lateinamerikas. 2019 veröffentlichte sie Luz en Berlín (Planeta), das in Berlin zum Zeitpunkt des Mauerfalls spielt, den sie selbst hautnah miterlebt hat. Ihr Roman Bajo la Cruz del Sur (Planeta, 2020) rekonstruiert die Reise von Hernando de Magallanes und die erste Weltumsegelung. Ihr neuester Roman Ercilla y las creaciones del Imperio handelt von der Autorin des epischen Gedichts La Araucana. Chilenische Kritiker bezeichnen sie als eine faszinierende und bedeutende Erzählerin. Sie wurde ins Arabische und Chinesische übersetzt. Foto: Birgit Heitfeld

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