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Das Echo der Unsichtbaren: Carla Bessas deutschsprachiges Debüt »tage leben«

vor 13 Stunden
4 Min. Lesezeit

von Douglas Pompeu


Nur wenigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die außerhalb der Grenzen ihrer Herkunftskultur leben, gelingt das Kunststück, in der Sprache ihres neuen Umfelds eine literarische Form zu finden, die nicht nur eine bislang unerschlossene Narrativik entfaltet, sondern zugleich den Horizont dieser erworbenen Sprache erweitert und bereichert. In ihrem ersten direkt auf Deutsch verfassten Roman erweist sich die brasilianische Autorin Carla Bessa in beiderlei Hinsicht als außerordentlich erfolgreich. Mit Tage leben, erschienen in der Reihe „Rohstoff” bei Matthes & Seitz, schafft Bessa eine vielschichtige Erzählform für eine komplexe Geschichte, die tief im kollektiven Gedächtnis Brasiliens verankert ist und in der deutschen Sprache eine ganz neue, potenzierte Wirkmacht erreicht.


Dabei ist Carla Bessa in der brasilianischen Literaturlandschaft längst eine etablierte Stimme. Mit ihren auf Portugiesisch erschienenen Werken – darunter der mit dem renommierten Prêmio Jabuti ausgezeichnete Erzählband Urubus (2019) sowie Bücher wie Aí eu fiquei sem esse filho (2017) oder Minha Murilo (2021) – hat sie sich als präzise Beobachterin gesellschaftlicher Abgründe, menschlicher Entfremdung und der Brüchigkeit von Existenzbiografien erwiesen. Schon in ihren brasilianischen Veröffentlichungen zeichnete sich ihr Ton durch eine kompromisslose Schärfe und Empathie für die Unsichtbaren und Ausgegrenzten aus.


In tage leben verknüpft Bessa nun zwei Schlüsselereignisse extremer Gewalt, die   Brasilien bis heute traumatisieren. Das primäre historische Ereignis bildet die spektakuläre Entführung des Linienbusses 174 am 12. Juni 2000 im Zentrum von Rio de Janeiro. Ein 21-jähriger Mann hält die Passagiere stundenlang als Geiseln – ein Drama, das damals von den Medien live im Fernsehen übertragen wurde und das Land schockierte. Doch Bessa zeigt auf, dass dieses Ereignis nicht isoliert betrachtet werden kann: Es steht in direkter, tragischer Verbindung zum Candelária-Massaker vom 23. Juli 1993, bei dem Polizisten vor der gleichnamigen Kirche das Feuer auf schlafende Straßenkinder eröffneten. Der Täter der Busentführung, Sandro Barbosa do Nascimento, war selbst einer der wenigen Überlebenden dieser blutigen Nacht der Candelária. Indem der Roman diese beiden historischen Wendepunkte miteinander kurzschließt, legt er das Kontinuum staatlicher Verwahrlosung, rassistischer Exklusion und der systematischen Entmenschlichung von Straßenkindern offen. Sandro erscheint im Roman keineswegs als bloßer Täter, sondern als das schreckliche Produkt einer Gesellschaft, die ihre schwächsten Kinder unsichtbar macht, bis ihr Verzweiflungsschrei vor den Fernsehkameras explodiert.


Formal überzeugt der Roman durch eine montageartige, fragmentierte Struktur, die dokumentarische Genauigkeit mit intimer Poesie verbindet. Das Buch gliedert sich in kurze, verdichtete Abschnitte, die dynamisch zwischen verschiedenen Perspektiven, Zeitebenen und Orten hin- und herwechseln. Auf der Figurenebene stehen sich der historische Protagonist Sandro Barbosado Nascimento und die Geiseln im Bus gegenüber. Doch neben diesen realhistorischen Gestalten nimmt die Erzählerin selbst eine zentrale Rolle ein. Bessa wählt eine autofiktionale Form des Erzählens: Die Ich-Erzählerin reflektiert aus der zeitlichen und räumlichen Distanz ihresLebens im Berlin über den Akt des Schreibens selbst, über Sprache, Heimatlosigkeit und Erinnerung. In diese autofiktionale Ebene webt Bessa eine persönliche Familientragödie ein – den Verlust des eigenen Bruders. Dadurch entsteht eine berührende Parallele zwischen dem privaten, intimen Schmerz der Erzählerin und dem kollektiven Trauma einer ganzen Nation. Das Ausstellen der eigenen Verluste und die literarische Zuwendung zu den Verstorbenen wird zu einer Form der Reparation und dadurch zur Stärke von Bessas Erzählkunst. Was dieses Buch so unvergesslich macht, ist die Fähigkeit der Erzählerin, die Geschichten von Sandro und ihrem Bruder – zwei Geschichten voller Gewalt – auf subtile und äußerst authentische Weise miteinander zu verknüpfen. Im Laufe des Buches wird diese Verbindung nach und nach durch eine knisternde Spannung hergestellt, die mit literarischem Geschick aufgebaut wird. Sie bricht nie aus und gleitet nie ins Leere ab, denn die Grundlage dieser Verflechtung zweier so gewalttätiger Geschichten liegt vielleicht nicht im bloßen Versuch einer Annäherung, sondern darin, eine Erkenntnis zu schaffen, die nur durch Trauer und Verlust möglich zu sein scheint – Eine Erkenntnis, die die Erzählerin durch eine Sprache offenlegt, die beim Leser ein Gefühl von Abscheu und zugleich Anziehung hervorrufen kann, wie bei einem Schwindelgefühl. Dieses Gefühl wird durch den in Kleinbuchstaben geschriebenen Buchtitel sowie die Entscheidung, jede Stimme unterschiedlich auf der Buchseite auszurichten - mal rechts- oder linksbündig, mal mittig -, noch weiter verstärkt.


Die urbane Gewalt, der omnipräsente Rassismus und die Kluft zwischen Arm und Reich werden in tage leben nicht konsumierbar aufbereitet, sondern in ihrer reinsten, schmerzhaftesten Form freigelegt. Dass Bessa diese Geschichte in der erworbenen deutschen Sprache erzählt, erweist sich als großer Gewinn: Die Sprache wirkt wie ein Seziermesser – nüchtern, glasklar und frei von Sentimentalität. tage leben demonstriert eindrucksvoll die Kraft transkulturellen Schreibens. Carla Bessa beweist, dass das Überschreiten nationaler und sprachlicher Grenzen kein Verlust an Authentizität bedeutet, sondern eine Verdichtung des Blicks ermöglicht – ein herausragendes, verstörendes und zutiefst humanes Werk.



tage leben

Matthes & Seitz Berlin (Reihe Rohstoff)



Carla Bessa studierte Schauspiel in Rio de Janeiro. 1991 emigrierte sie nach Deutschland, wo sie 15 Jahre als Schauspielerin und Theaterregisseurin arbeitete, bevor sie sich der Literatur zuwandte. Heute lebt sie zwischen Berlin und Rio und arbeitet als Literaturübersetzerin, Dolmetscherin und Autorin. Bis 2022 schrieb sie in portugiesischer Sprache und veröffentlichte in Brasilien drei Erzählbände und eine Novelle. Einige ihrer Bücher wurde mehrfach ausgezeichnet – darunter mit dem Jabuti Preis (das ist der wichtigste Literaturpreis in Brasilien) und dem Preis der Nationalbibliothek – und ins Deutsche (Lea Hübner, TransitVerlag), sowie ins Griechische übersetzt (Nikos Pratsinis, Skarifima Editions). Ihr ersterRoman auf Deutsch, „tage leben“, erschien 2025 beim Verlag Matthes und Seitz/Rohstoff.Zurzeit arbeitet sie an einem zweisprachigen Essayband.


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