Zócalo
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- 9. Juli
- 2 Min. Lesezeit
Natascha Gangl
Später:
Du setzt Fuß auf die Straße, weich und tänzelnd schmiegt sich dein Körper an die Körper der anderen, bist ein Atom des Gesamt-Honigs hier und kannst: Zuhören.
Otro lado del mundo.
Centro del universo.
Zócalo.
Wind.
Pisse.
Erschlagenheit.
Die Sonne scheint, weil sie scheinen will.
Du gehst in die Kirche. Es beginnt drinnen die Messe und draußen dröhnt der Zócalo, auf dem steht heute eine Riesenbühne, zu der Riesentrommeln getragen werden, alle drängen – es mi cuerpo – dies ist mein Leib, der für euch und für alle vergossen wurde und vergessen wird der bestimmt nicht, von niemandem, dein Leib Wendy, der besteht aus so vielen drallen Päckchen, auf die es sich klatschen lässt. Bleib in der Kirche und setz dich zu einer Frau, Wendy, tust mit, was die tun und – el centro del universo – forme mit den Armen einen Kreis: Alle Zeiten und alle Gesichter der beiden Religionen sind da und eine Frau singt zart wie Papier voraus in der Kirche und draußen schlagen die Trommeln, ein Erdbeben, die Stadt wackelt, hier sind wir Zwanzig in der großen Kirche, draußen Tausende bei den Trommeln und es entsteht eine Musik, es ist eine ganze, ein ganzer Chor, beten, singen, Schlag auf die Brust! mea culpa mea culpa – Gesamtheit der Zeiten, Gesamtheit der Töne, es kommt ein Mann mit einem kaputten Koffer, es kommt eine Touristengruppe so blond, braungebrannt, sandig, es kommt eine Frau mit ihrer grossen Tasche, eine Frau, so klein, so winzig, alle kommen sie hierher, kommen hierher an. Und alle gemeinsam, alle atmen ihre Gebete zusammen, atmen sie in eine Richtung, vorne, in die Mitte und hoch, Schicksal, Anarchie, Erlösung, Gedankenlosigkeit, je zwei Seiten des Glaubens mit ihren dreihundertachtzig Gesichtern. Es ist mehr lebendes als totes Fleisch am Markt. Es ist mehr Mensch als Fisch am Markt. Wir hören eine Frau, die uns Entsaftermaschinen durch ein Megaphon erklärt, und es gibt ein Auto mit Lautsprecher, aus dem wird geworben für die neuen Dämonen von Tepito. Wir wippen im versteckten Rhythmus der lecken Wasserleitungen und sehen durch Glasfenster im Boden, die zeigen: Hier unter uns ist die Welt der toten Azteken, die immer nur etwas bauten, wenn sie mordeten, das Ganze ergibt ein gutes, sauberes Netz, das Ganze ergibt eine Falle, das Ganze ergibt die Ausbildung von Herzwurzeln – da kann keiner helfen:
I ♥ D.F.
Die größte Flagge im Wind. Ein Adler verschlingt eine Schlange. Die Schlange ächzt. Die Schlange schreit.
[Fragmento de la novela / Auszug aus dem Roman: Natascha Gangl: Wendy fährt nach Mexiko, Klagenfurt und Graz: Ritter, 2015]

Natascha Gangl (1986, Bad Radkersburg, Österreich) ist Autorin und Theatermacherin und lebt zwischen Österreich und Mexiko. Sie studierte Philosophie und szenisches Schreiben in Wien und Graz. In der Spielzeit 2013/14 war sie Hausautorin am Staatstheater Mainz. Zuletzt erhielt sie das Literaturstipendium des Landes Steiermark. In Oaxaca entwickelte sie 2015 mit Victor Díaz die theatralen Installationen Oraciones de las Cosas und Experiencia total. Im selben Jahr erschien ihr Debütroman Wendy fährt nach Mexiko. Bild: Fernando Centragolo

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